Orthorexie: Wann wird aus gesund ungesund?

Shownotes

Wann wird aus gesund ungesund? Gesund essen ist ja eigentlich super, aber was, wenn daraus eine Fixierung wird, wenn das Verhalten zwanghaft wird und die Flexibilität verloren geht? In dieser Folge geht’s um Orthorexie, also den Drang, nur noch „richtig“ und „sauber“ zu essen, bis das Ganze zur Belastung wird. Ich freu mich, wenn du reinhörst!

IG: @psychotherapie.wien

Homepage: www.praxis-verhaltenstherapie.at

Links: Österreich: Essstörungshotline: https://www.wig.or.at/selbsthilfe-beratung/hotline-fuer-essstoerungen Österreichische Gesellschaft für Essstörungen: https://www.oeges.or.at/Essstoerungen/Hilfe-fuer-Betroffene/Beratungsstellen/

Deutschland: Hilfe bei Essstörungen: https://essstoerungen.bioeg.de/hilfe-finden/ Deutsche Gesellschaft für Essstörungen: https://www.dgess.de

Schweiz: Essstörungsinfos: https://www.pepinfo.ch/de/anlaufstellen/index.php Schweizer Gesellschaft für Essstörungen: https://sges-ssta-ssda.ch

Transkript anzeigen

00:00:01: Herzlich willkommen zu meinem Podcast Lebenskunst, dem Podcast über Essstörungen und allem, was damit verbunden ist.

00:00:18: Hallo und herzlich willkommen zu meinem Podcast Lebenskunst, Essstörungen im Fokus.

00:00:23: Mein Name ist Katja, ich bin Psychotherapeutin.

00:00:26: Und heute möchte ich mit euch über ein Thema sprechen, das finde ich in den letzten Jahren immer häufiger in den Fokus rückt.

00:00:34: Und zwar geht es heute um die Orthorexie und die Frage, ab wann wird gesund eigentlich ungesund?

00:00:42: Genau, also das ist mein heutiges Thema.

00:00:45: Schön, dass du da bist.

00:00:47: Dann steigen wir mal ein.

00:00:49: Gleich weißt du schon, was Orthorexie bedeutet.

00:00:52: Wenn nicht, es geht Dabei um die Fixierung auf gesundes Essen.

00:00:59: Also, vielleicht hast du den Begriff schon einmal gehört, vielleicht ist er aber auch total neu.

00:01:04: Und genau deshalb möchte ich dich jetzt mitnehmen in diese spannende, aber auch finde ich ein bisschen herausfordernde Thematik, weil ich total schwierig finde, abzugrenzen, ab wann ist etwas da nicht mehr so gesund.

00:01:24: Wenn wir über gesunde Ernährung sprechen, Dann, ich weiß nicht, wie es dir geht, aber die meisten, glaube ich, denken von uns zunächst einfach an etwas Positives.

00:01:34: Also ich auch, ja, ausreichend Obst zu essen, ausreichend Gemüse zu sich zu nehmen, vollwertige Lebensmittel, wenig Zucker und so weiter.

00:01:44: Das sind so Empfehlungen, würde ich mal sagen, die wir seit Jahren kennen.

00:01:48: Und grundsätzlich ist es ja auch gut, würde ich mal sagen, auch den eigenen Körper zu achten und auch auf die Ernährung zu achten.

00:01:56: Aber manchmal gibt das Ganze.

00:01:59: Und das ist dann, wenn der Wunsch sich gesund zu ernähren, so stark wird, dass er nicht mehr frei gewählt ist.

00:02:08: Das heißt, wenn der Wunsch nach Gesundheit und gesunder Ernährung zwanghaft wird.

00:02:16: Und dann ist es der Fall, dass Betroffene sich teilweise stundenlang mit der Frage beschäftigen, was sie essen dürfen und was nicht.

00:02:25: was als gesund gilt und was nicht und beginnen auch bestimmte Regeln zu entwickeln, was für sie dann passend ist und setzen sich damit aber selbst gleichzeitig auch total unter Druck, weil sie dann ja nur noch nach diesen Regeln essen dürfen.

00:02:42: Und leider geht dann mit der Zeit der Genuss am Essen ein bisschen verloren, sondern es ist jedes Mal eher wie eine Art Challenge und Herausforderung, es auf jeden Fall richtig zu machen.

00:02:55: Und der Begriff Orthorexie, der setzt sich einerseits aus dem griechischen Wort Orthos zusammen, das bedeutet richtig und Orexis bedeutet Appetit.

00:03:06: Und ähnlich wie bei der Anorexie, also der Magesuft, geht es auch hier um eine Art extremer Reform des Essverhaltens, allerdings mit einem ganz anderen Schwerpunkt, während bei der Anorexie eher das Körpergewicht im Vordergrund steht.

00:03:24: geht es bei der Orthorexie eher darum, sich richtig zu ernähren oder besonders gut zu ernähren, rein zu ernähren.

00:03:33: Und bislang ist es also so, dass die Orthorexie eigentlich keine offiziell anerkannte Erkrankung ist.

00:03:40: Das heißt, es gibt auch keine offizielle anerkannte Diagnose.

00:03:43: Das heißt, es taucht jetzt weder im internationalen Klassifikationssystem ICD-I auf, auch nicht im DSM-V.

00:03:52: Das sind zwei Systeme, in denen die Erkrankungen aufgelistet sind.

00:03:57: Und dort kommt es jetzt nicht vor.

00:03:59: Und das macht, finde ich, die Einordnung noch mal schwieriger.

00:04:02: Und es führt auch immer wieder zu Diskussionen.

00:04:05: Denn manche sehen die Ortregie als ein eigenes Störungsbild.

00:04:11: Andere sagen, nein, es ist eigentlich eher eine Vorstufe oder eine Art Risikofaktor für Essstörungen als auch Zwangsstörungen.

00:04:21: Aber ganz unabhängig davon, wo wir das jetzt hingeben oder wie wir es benennen, für Betroffene ist die Belastung sehr real.

00:04:32: Und ich glaube, gerade in der Behandlung oder in der Unterstützung ist das auch etwas, was man einfach hier... Was wichtig ist, dass man da hinschaut, die Belastung ist real, unabhängig davon, ob es jetzt im ICD-Elv aufgelistet ist oder nicht.

00:04:47: Aber was zeichnet jetzt diese Orthorexie eigentlich aus?

00:04:50: Also zentral ist die übermäßige Beschäftigung mit gesunder Ernährung.

00:04:55: Lebensmittel werden in Gut- und Böse eingeteilt.

00:04:59: Es gibt meistens eher starre Regeln, was gegessen werden darf und was nicht.

00:05:05: Und manchmal wird mit der Zeit auch das, was als Gut empfunden wird, immer strenger und die Ausweis sozusagen wird immer enger.

00:05:17: Und manchmal verzichten dann Betroffene auch auf bestimmte Lebensmittelgruppen komplett, wie Fleisch oder Milchprodukte, Getreide und so weiter.

00:05:27: Und andere legenden Fokus vielleicht auch vermeintlich mehr auf so reine, natürliche Produkte oder achten Pennebel genau auf das Bio-Siegel oder auf ganz spezielle Zubereitungsarten.

00:05:39: Mit dem Ziel, alles ungesunde aus dem Alltag quasi zu verbannen und das auch zu vermeiden.

00:05:46: Paradoxerweise führt aber genau dieses Streben nach Gesundheit oft bei Betroffenen zu einer Mangelernährung, oft führt es auch im sozialen Ehe zu einem Rückzug und auf der psychischen Ebene beginnen viele zu leiden, weil es einfach enorm viel Stress ist und die Lebensqualität ein Stück weit verloren geht.

00:06:09: Und das Spannende und gleichzeitig auch schwierige ist, dass die Autoregsy finde ich halt zumindest gar nicht so leicht von einem gesunden Lebensstil abzugrenzen ist.

00:06:20: Oder zumindest, ja, ich finde es halt einfach nicht leicht.

00:06:23: Und weil, wenn man sich so überlegt, viele von uns achten auch bewusst auf die Ernährung und das ist ja auch vollkommen okay.

00:06:32: Ich glaube, es geht da bei der Orthorexie wirklich dann um diesen Punkt, wo das halt kippt und eben so zwanghaft wird, wo man nicht mehr abweichen kann davon, wo die Regeln so wichtig sind, dass alles andere untergeordnet wird.

00:06:48: Und das ist, glaube ich, so ein Zeichen dafür, wenn das kippt.

00:06:54: Also wenn die Ernährung zum zentralen Lebensinhalt wird, wenn Gedanken eigentlich ständig darum kreisen, wenn vielleicht auch zum Beispiel Schuldgefühle auftreten, sobald man gegen die eigenen Regeln verstößt, oder eben wenn auch Einladungen zum Essen oder Familienessen oder was auch immer so Events, bei denen gegessen wird, zunehmend vermieden werden, einfach auch aus... Ja, vielleicht Angst heraus oder Panik, dass es dort nicht das Essen gibt, das man für sich als richtig bezeichnen würde.

00:07:30: Und wegen der Ursachen, da ist es halt so wie ganz oft auch, dass es oft ein Zusammenspiel ist von verschiedenen Faktoren.

00:07:39: Es gibt einerseits psychologische Aspekte, die dahinein spielen können, soziale Aspekte, vielleicht manchmal auch ungelöste alte Konflikte.

00:07:48: eine Unzufriedenheit mit dem Körper, mit dem eigenen Körperbild oder vielleicht ist es manchmal auch der Wunsch nach Kontrolle oder auch einfach, weil man ursprünglich wirklich einfach nur sich gesünder ernähren wollte, weil es davor vielleicht gar einfach wirklich nicht so gut war und dann ist es halt außer Kontrolle geraten.

00:08:07: Typisch ist für Betroffene das eben kleinste Abweichungen von diesen Ernährungsregeln, starke Gefühle auslösten.

00:08:15: Ich glaube, das ist halt auch so ein bisschen.

00:08:17: Wenn wir mal sagen, so Jana ist eh wurscht, ich kann ja auch mal Schokolade essen oder wenn man einfach von den eigenen Regeln, die man sonst versucht zu befolgen, gut abweichen kann, ohne dass es so eine starke Gefühle auslöst.

00:08:31: Ich glaube, das ist so ein Kriterium, wo man merkt, nein, ich achte halt auf meine Gesundheit, aber ich bin noch flexibel genug.

00:08:40: Und ... Wenn man das eben nicht mehr kann, dann erzeugt jegliche Abweichung extremen inneren Stress.

00:08:48: Und manchmal auch eine wirkliche Angst vor Schäden, also dass Nahrungsmittel wirklich schädlich sind.

00:08:54: Das kann auch in einer Angststörung münden.

00:08:58: Und so Schritt für Schritt entsteht dann eine immer stärkere Fixierung, würde ich mal sagen, auf die Qualität von Lebensmitteln.

00:09:04: Und diese Fixierung kann so weit gehen, dass Betroffene eben kaum noch in der Lage sind, eine ausgewogene Ernährung aufrechtzuerhalten.

00:09:12: Einfach, weil die Liste an Regeln und Verboten immer länger wird.

00:09:17: Und wissenschaftlich betrachtet gilt die Orthorexie als multifaktoriell bedingt.

00:09:22: Das heißt, es gibt eben nicht die eine einzelne Ursache, sondern eben viele verschiedene Einflüsse.

00:09:28: Ein paar habe ich vorher jetzt eh schon genannt, manchmal sind es eben auch noch Traumotas, die da vielleicht noch mitten einspielen.

00:09:34: Viele Betroffene berichten auch immer wieder von einem hohen Leistungsdruck oder einem sehr intensiven Konsum sozialer Medien, wo oft einfach auch unrealistische Körperideale vermittelt werden oder dass man einen bestimmten Influencer einfach folgen möchte, die ja die perfekten Essensroutinen haben und so weiter.

00:09:54: Ganz oft sieht man einfach auch, dass Leute mit Sicht auch ganz unsicher sind und sich dann an äußeren Leitlinien einfach festhalten, weil ihnen das ein Gefühl von Sicherheit und Kontrolle halt auch zurückgibt.

00:10:08: Und nicht zu unterschätzen, das habe ich auch oft gelesen, dass das Duhaus anscheinend auch immer wieder einfach mit hinein spielen kann, ist, wenn es natürlich irgendwelche Lebensmittelskandale gibt.

00:10:21: und das irgendwie die Schlagzeile macht, dann gibt es schon für viele auch nochmal, ja, das ist oft dann noch so ein Faktor, wo viele dann nochmal beginnen darüber nachzudenken, beziehungsweise wo es sich manchmal dann auch, gerade wenn man schon in Richtung Orthorexie geht, das sich nochmal verstärken könnte.

00:10:40: Also, man könnte sagen bei der Orthorexie ist es typisch, dass der gesundheitliche Wert von Lebensmitteln über dem Genuss steht.

00:10:50: Essen, Soll nicht mehr Freude machen, also darum geht es jetzt eher nicht mehr, sondern vor allem funktionieren und gut sein.

00:10:58: Und die Folgen sind aber für Betroffene oft recht schnell spürbar, vor allem wenn sich die Liste an verbotenen Dingen immer mehr ausweitert, kann es zu Mangelerscheinungen kommen, vermehrt Müdigkeit oder auch Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren.

00:11:13: Manche fühlen sich immer wieder schwach, können vielleicht auch nicht so gut schlafen.

00:11:18: Ja, und manchmal, aber nicht immer.

00:11:20: Es kann da auch zu Untergewicht führen und dann haben wir die klassischen Folgen, die man auch bei einer Anorexie hat, wo das Untergewicht einfach auf den Körper stark wirkt und ja, den Zyklus zum Beispiel kaputt macht und so weiter.

00:11:40: Wie kann man damit jetzt umgehen, auch wenn die Orthorexie eigentlich ja noch nicht offiziell als Diagnose festgeschrieben ist?

00:11:48: orientiert sich die Behandlung, würde ich mal sagen, eigentlich an bekannten Ansätzen aus der Essstörungstherapie.

00:11:53: Also wenn zu mir jemand kommen, wo vielleicht so dieses orthorektische Bild passen würde, ist es gar nicht so viel anders.

00:12:01: Das Ziel ist, genauso wie bei anderen Essstörungen einfach wieder mehr Freiheit zu gewinnen, mehr Flexibilität ins Essverhalten zu bringen, diese echt starren Regeln aufzubrechen, auch... hinzuschauen, was ist das für eine Angst vor bestimmten Lebensmitteln?

00:12:18: Wie kann man mit dieser Angst auch umgehen?

00:12:21: Wie schafft man es vielleicht auch wieder mehr Genuss ins Leben der betroffenen Person zu kriegen?

00:12:27: Und man schaut natürlich einfach auch an, was ist vor der Essstörung gewesen?

00:12:32: Was waren da so Mechanismen, die da vielleicht hineingespielt haben, um quasi dieses orthorektische so entstehen zu lassen?

00:12:42: Vielleicht fragst du dich selbst jetzt oder reflektierst gerade so bis sie für dich haben, wo du selbst stehst oder wie viel Wert du auch auf gesunde Ernährung legst oder wie frei du dich damit fühlst.

00:12:52: Ich glaube, es ist einfach wichtig, sich einerseits auf den eigenen Körper zu hören, auf den eigenen Körper auch zu achten, aber genauso wichtig ist es, flexibel zu bleiben und nachsichtig mit sich zu sein.

00:13:07: Ja, dass Regeln nicht entstandgemeißelt sind, sondern Regeln auch veränderbar sind oder vielleicht auch für sich so formuliert, dass man einen Bewegungsspielraum hat.

00:13:16: Also Gesundheit bedeutet nicht Perfektion, sondern Freude, Spontanität, Gelassenheit.

00:13:22: Und es braucht zwar ein bisschen so ein Mittelding.

00:13:25: Kein Extrem.

00:13:26: Wir Menschen funktionieren in den Extremen nicht sehr gut.

00:13:29: Es braucht dieses Mittelding, wo wir uns bewegen können.

00:13:34: Also, falls du eine Person bist, wo du vielleicht merkst, ich setze mich da vielleicht zu Hause, ein bisschen zu stark unter Druck.

00:13:40: Oder ich denke, das weiß ich eigentlich hier schon länger, dass mir das alles schon nicht mehr so leicht fällt.

00:13:48: Nimm die Signale für dich ernst, reflekt dir mal, was könnte da dahinterstecken.

00:13:53: und wenn du wirklich spürst, okay, ich leide eigentlich schon ewig, trau dich Unterstützung zu holen.

00:13:58: Das Thema wirklich anzugehen, um für dich auch wieder mehr Freiheit zu gewinnen und Freiheit für dich zu erlangen.

00:14:05: Ich finde, man muss da echt nicht alleine durch Hilfe zu suchen, sei es durch Beratung, Psychotherapie, medizinische Unterstützung und so weiter, kann einfach wirklich sehr entlastend sein.

00:14:16: Und zum Abschluss möchte ich euch mitgeben, Essen ist halt einfach nicht nur Nährstoffzufuhr.

00:14:24: Essen ist Kultur, Essen ist Verbindung, Essen ist Freude, Genuss.

00:14:30: Und genau diese Aspekte gehören genauso zu einem gesunden Leben, finde ich persönlich zumindest, wie Vitamine und Palaststoffe.

00:14:39: Genau.

00:14:39: Das war's für heute.

00:14:40: Ich hoffe, ich konnte euch einen guten Einblick mal geben in die Orthorexie und was das eigentlich bedeutet.

00:14:47: Ich glaube, dass die Unterscheidung zwischen einfach, ich lebe einen gesunden Lebensstil unter Orthorexie, der Leidensdruck ist, also wenn man beginnt zu leiden und sich das auf die Psyche auswirkt, weil man eben nicht mehr abweichen kann, dann ist das ein Signal, da hinzuschauen.

00:15:02: Genau, also... Das war's auch für heute.

00:15:05: Ich hoffe, die Folge hat euch gefallen und vielleicht auch ein bisschen zum Nachdenken angeregt.

00:15:11: Ich wünsche euch einen schönen Tag und ich hoffe, du bist auch der nächste Folge wieder mit dabei.

00:15:17: Bis bald, tschüss!

Neuer Kommentar

Dein Name oder Pseudonym (wird öffentlich angezeigt)
Mindestens 10 Zeichen
Durch das Abschicken des Formulars stimmst du zu, dass der Wert unter "Name oder Pseudonym" gespeichert wird und öffentlich angezeigt werden kann. Wir speichern keine IP-Adressen oder andere personenbezogene Daten. Die Nutzung deines echten Namens ist freiwillig.