Tabuthema Essstörung - warum es so wichtig ist, das Thema aus dem Verborgenen zu holen

Shownotes

Essstörungen leben oft im Verborgenen - genährt von Scham, Angst und dem Bedürfnis nach Kontrolle. In dieser Folge geht es darum, warum Betroffene ihre Essstörung so häufig geheim halten, welche Funktion dieses Schweigen hat und warum genau diese Heimlichkeit die Erkrankung oft mit aufrechterhält. Eine Folge über Isolation, Scham und den ersten Schritt raus aus dem Geheimen.

IG: @psychotherapie.wien

Homepage: www.praxis-verhaltenstherapie.at

Links: Österreich: Essstörungshotline: https://www.wig.or.at/selbsthilfe-beratung/hotline-fuer-essstoerungen Österreichische Gesellschaft für Essstörungen: https://www.oeges.or.at/Essstoerungen/Hilfe-fuer-Betroffene/Beratungsstellen/

Deutschland: Hilfe bei Essstörungen: https://essstoerungen.bioeg.de/hilfe-finden/ Deutsche Gesellschaft für Essstörungen: https://www.dgess.de

Schweiz: Essstörungsinfos: https://www.pepinfo.ch/de/anlaufstellen/index.php Schweizer Gesellschaft für Essstörungen: https://sges-ssta-ssda.ch

Transkript anzeigen

00:00:01: Herzlich willkommen zu meiner Podcast-Lebenskunst, dem Podcast über Essstörungen und allem was damit verbunden ist.

00:00:18: Hallo und herzlich Willkommen zu einer neuen Folge meines Podcasts Lebenskunst.

00:00:22: Schön dass ihr heute wieder dabei seid!

00:00:25: Ich habe mir eine spannende Folge für euch überlegt und zwar geht es in dieser Folge um die Geheimhaltung.

00:00:32: Es Störungen spielen sich sehr häufig im Verborgenen ab.

00:00:35: Sie zeigen sich zwar manchmal schon im Verhalten, manchmal erkennt man es auch weil ein Mensch sich sehr zurückzieht oder weil der Körper sich verändert.

00:00:42: Trotzdem bleibt das aber bei vielen Betroffenen sehr lange unbemerkt Und nach außen wirkt vielleicht auch vieles noch sehr funktionierend, vielleicht sogar auch kontrolliert.

00:00:53: Aber innerlich ist bei Betroffenen oft schon sehr lange sehr viel Leiter und genau darum soll es heute gehen warum Essstörungen so oft mit Geheimhaltung verbunden sind, warum schweigen die Erkrankungen häufig mit Aufrecht erhält und weshalb es so so wichtig sein kann, die Essstörung Schritt für Schritt aus dem Geheimen zu holen!

00:01:19: Geheimnisse haben Macht Vor allem dann, wenn sie mit dem Gefühl der Scham verbunden sind.

00:01:28: Scham ist so furchtbar unangenehm und genau das ist bei Essstörungen oft der Fall!

00:01:33: Viele Betroffene wissen sehr genau dass sie etwas verbergen.

00:01:37: Sie verstecken Symptome Bagatellisieren Probleme Weichen Fragen aus Essen heimlich Lügen vielleicht auch über Mahlzeiten Über die Jause über Essernfälle Über das Erbrechen über die Bewegung oder über Gedanken oder darüber, wie schlecht es ihnen eigentlich wirklich geht und von außen kann das manchmal sehr schwer nachvollziehbar sein.

00:02:01: Ich bin schon oft mit Fragen konfrontiert worden von verschiedenen Angehörigen Na warum sagt die Person einfach nichts?

00:02:08: Warum ist man dann nicht schon früher zu mir gekommen?

00:02:12: Warum isst so schwer da einfach Hilfe anzunehmen Und warum hält man auch ein etwas fest was ja eigentlich so schadet und auf so viel Kraft kostet?

00:02:22: Aber das Schweigen bei einer Essstörung ist selten nur eine bewusste Entscheidung gegen die Offenheit.

00:02:30: Da steckt ja so viel dahinter, da stecken so viele starke Gefühle dahinter wie eben gesagt Scham aber auch Angst!

00:02:39: Aber auch eine starke Ambivalenz also ein hin und her gerissen sein.

00:02:44: Grundbedürfnisse stehen da oft dahinter, die Sorge nicht verstanden zu werden.

00:02:49: Die Angst das einem etwas weggenommen wird oder die Angst dann auch sofort etwas verändern zu müssen.

00:02:56: Oder auch die Angst darüber dass sich Beziehungen dadurch verändern können und das möchten viele im ersten Schritt überhaupt nicht.

00:03:04: Dass sich da irgendwas verändert oder auf die Überzeugung nicht krank genug zu sein um überhaupt darüber sprechen zu dürfen.

00:03:14: Dieses Geheimhalten ist also meist nicht zufällig.

00:03:18: Und gerade deshalb finde ich es so wichtig, dass man es besser versteht und in dieser Folge möchte ich deswegen sichtbar machen warum Schweigen so naheliegend sein kann und warum es aber gleichzeitig einfach schon auch Teil des Problems ist.

00:03:33: Also wie wir jetzt eh schon kurz gehört haben Essstörungen sind Erkrankungen die oft stark mit Charme besetzt sind.

00:03:40: Die Betroffenen schämen sich eben für vielerlei Dinge, für ihr Verhalten für die Essentfälle, für den Kontrollverlust.

00:03:47: Auch für Restriktion oder die Geschwindigkeit beim Essen, für die Gewichtsschwankungen – vielleicht für Lügen, die entstanden sind!

00:03:55: Manche schämern sich auch für die Sehnsucht nach Kontrolle, Rückfälle und für die Armbivalenz.

00:04:01: Und Scham?

00:04:03: Ich glaube jeder von uns hat Scham schon mal erlebt oder so ein ganz starkes Gefühl von peinlich berührt sein….

00:04:09: Das führt dazu, dass man sich zurückziehen will.

00:04:12: Man möchte sich verstecken und im Erdboden versinken.

00:04:16: Denn Scham zeigt mir nicht einfach nur, dass eine Situation oder eine gewisse Lebensspanne gerade schwierig ist sondern Scham sagt uns oft es stimmt mit mir etwas nicht!

00:04:28: Ich bin peinlich ich darf so nicht gesehen werden.

00:04:31: ich mache das falsch.

00:04:33: ich bin falsch wenn andere das Wüsten würden sie mich ablehnen mich nicht verstehen mich verurteilen oder mich verlassen.

00:04:42: Und wenn das natürlich die Befürchtungen sind, finde ich es nachvollziehbar dass es einen in eine gewisse Richtung der Geheimhaltung drängt.

00:04:53: Hinzu kommt auch, dass Essstörungen oft sehr widersprüchlich erlebt werden.

00:04:58: sie verursachen auf einer Seite Leid aber zum Beispiel auch Beruhigung oder Ablenkung oder auch ein Gefühl von Identität.

00:05:07: da habe ich eh auch mal eine Folge dazu gemacht dass Essstörungen auch sehr identitätsstiftend sein können.

00:05:15: Das heißt, viele Betroffene wollen die Essstörung nicht einfach nur loswerden – ein Teil von ihnen leidet darunter ja aber ein anderer Teil hält daran fest und zwar an den Dingen, die sich kurzfristig positiv anfühlen.

00:05:33: Natürlich fördert auch das das Schwein denn wie soll man etwas offen ansprechen wenn man selbst hinterlich Ambivalent ist, also hin und her gerissen.

00:05:44: Und sich selbst auch gar nicht sicher ist ob man es überhaupt irgendwann loswerden kann oder loslassen kann oder lossassen möchte zur Gänze.

00:05:55: Ein weiterer Grund für das Schweigen ist die Angst vor den Konsequenzen – was bedeutet es offen anzusprechen?

00:06:03: Es bedeutet oft dass andere sich beginnen einzumischen.

00:06:07: Es kommen Fragen!

00:06:09: Eine Art von Kontrolle entsteht von außen und auch oft der Drang oder der Wunsch von außen, dass man Hilfe annimmt.

00:06:18: Dass man auf jeden Fall so schnell wie möglich aufhören soll mit essgestörterm Verhalten was aber einem ja gleichzeitig dann auch... also was auch zur Bedeutung hat das eine Sicherheit weggenommen wird.

00:06:31: Und dann kriegen viele im ersten Moment mal Panik weil die Essstörung ja wie gesagt oft positive Aspekte mit sich bringt und die dann einfach so aufgeben zu können, ohne viel Vorbereitung.

00:06:43: Das ist im ersten Schritt überhaupt nicht möglich!

00:06:45: Und wenn aber das Androt diesen Teil gleichzeitig auch zu verlieren führt es dazu dass man dann doch wieder gerne daran festhält.

00:06:54: Und somit ist das Geheimhalten natürlich wie eine Art Schutzraum problematisch ja?

00:07:00: Aber halt eben auch schützend.

00:07:02: und ich finde es kommt dann auch noch etwas Gesellschaftliches hinzu.

00:07:07: Essstörungen werden ja ganz oft missverstanden.

00:07:10: Viele denken immer nur sehr oberflächlich darüber, also es wird sehr stark aufs Gewicht reduziert, auf's Aussehen und auch hauptsächlich mit Dünnsein assoziiert was einfach viel zu kurz gegriffen ist.

00:07:26: Und oft kommt schon der Gedanke man muss halt wieder normal essen und dann wird das alles schon wieder aber vereinfacht das ganze so enorm, dass Betroffene damit überhaupt nichts anfangen können.

00:07:40: Und dann wird es für sie oft noch schwerer und ich dachte ja selbst auf, dass in der Gesellschaft das Verständnis für Essstörungen bereits besser ist.

00:07:48: allerdings wenn ich aus meiner Bubble austrete und in die Welt hinaus gehe und auch mit Menschen spreche Mit der Psyche des Menschen grundsätzlich jetzt mal nichts am Hut haben, weil sie vielleicht aus ganz anderem Branchen kommen sich weniger damit auseinandergesetzt haben.

00:08:02: Vielleicht auch wenig Berührungspunkte hatten bisher in ihrem Leben dann merke ich oft dass da einfach nicht so viel Wissen da ist.

00:08:13: und wenn man dann schon ahnt vielleicht nicht wirklich verstanden zu werden, weil die Erkrankung oft nicht verstanden wird, dann finde ich persönlich wird schweigen oft schon nochmal nachvollziehbarer und einfach auch wahrscheinlicher.

00:08:28: Und welche Funktionen ergeben sich jetzt aus dem?

00:08:31: Also, welche Funktion hat das Geheimhalten?

00:08:33: Schauen wir da noch mal genau hin!

00:08:35: So schmerzhaft Geheimhaltung auch ist sie hat nämlich oft einen Sinn eine Aufgabe und zwar Schutz weil wenn etwas geheim bleibt bleibt es zunächst zumindest subjektiv gefühlt unter der eigenen Kontrolle.

00:08:52: andere wissen nicht Bescheid können sich nicht einmischen können keine Erwartungen von außen gestellt werden, keine Grenzen gesetzt werden und keine Veränderung verlangt werden.

00:09:01: Und das kann schon auch entlastend wirken – vor allem dann wenn die Essstörung innerlich noch sehr stark gebraucht wird!

00:09:09: Die kommt ja meistens nicht einfach so, es gibt ja Ursachen.

00:09:14: Das Geheimnis schützt also nicht nur vor den Blicken von Außen sondern auch vor Veränderungsdruck.

00:09:21: Eine zweite Funktion ist der Selbstwertschutz.

00:09:24: Wer befürchtet Stellt euch das mal vor, ihr befürchtet abgelehnt zu werden oder verurteilt zu werden.

00:09:31: Dann schützt das Schweigen genau vor dieser möglichen Verletzung.

00:09:36: Lieber nicht sagen!

00:09:37: Lieber nichts sagen als beschämt zu werden, lieber verstecken als sich mit der eigenen Verletzlichkeit zu zeigen und sich schwach zu zeigen – und angreifbar.

00:09:49: Und eine dritte Funktion, die ich mir aufgeschrieben habe ist die Aufrechterhaltung der Essstörung selbst.

00:09:54: Viele Symptome lassen sich viel leichter ausleben solange niemand davon weiß.

00:09:59: Heimlichkeit schafft der Esssteuerung einen Raum – einen Raum wo es gestörtes Verhalten möglich ist!

00:10:07: Wo man restriktiv essen kann, wo man Essenfälle haben kann.

00:10:10: Wo man erbrechen kann und sonst irgendwie kompensieren kann... ...wo man zwanghaft die Bewegung ausleben kann, gedankliche Rituale usw.

00:10:20: Aber sobald etwas benannt wird, wird es oft schwerer!

00:10:24: Es wird schwerer weil es nicht mehr völlig ungestört weitergeführt werden kann.

00:10:30: Denn wird etwas ausgesprochen?

00:10:32: Liegt plötzlich der Fokus

00:10:34: darauf?!

00:10:34: während man davor höchstwahrscheinlich nicht im Fokus stand.

00:10:39: Und genau deshalb mag die Essstörung das Geheimnis und manchmal hat das Schweigen dann noch einen anderen Nutzen, es hilft zum Beispiel auch die eigene Situation für sich selbst da nicht ganz wahrhaben zu müssen.

00:10:52: also... Dieses vielleicht auch manchmal nicht ganz ehrlich zu sich selbst sein.

00:10:56: Nicht nur zur Umwelt, sondern auch zu sich Selbst ist ja schon immer wieder etwas was da ist.

00:11:01: und solange etwas ein Geheimnis ist also lange bei etwas geschwiegen wird kann ich mir natürlich Dinge selbst auch einreden wie es ist ja noch gar nichts so schlimm.

00:11:09: Ich komme eh damit klar.

00:11:11: wenn ich will kann ich auch einfach wieder damit aufhören.

00:11:17: Das ist jetzt nicht, dass man sich selbst beginnt bewusst zu täuschen.

00:11:20: Aber es ist einfach ein Schutzmechanismus der da dann passiert.

00:11:26: und jetzt habe ich vorher auch mal kurz gesagt das Geheimhalten die Essstörung oft mit aufrechterhält.

00:11:34: Auch wenn Geheimhaltung kurzfristig schützen kann weil es eben vielleicht den Selbstwert schützt oder es einem so ein subjektives Gefühl von Sicherheit gibt usw.

00:11:46: hat sie langfristig einen hohen Preis.

00:11:50: Denn was im Geheimen bleibt, entzieht sich damit einer Korrektur.

00:11:54: Es entziecht sich der Beziehung und eine Unterstützung.

00:11:59: Wenn niemand weiß wie es wirklich in einem aussieht, dann kann auch niemand wirklich helfen!

00:12:08: Dann bleibt die betroffene Person alleine mit dieser Lebenssituation, allein mit dieser Erkrankung.

00:12:18: Und genau dieser Salin sein verstärkt häufig die Erkrankung, weil die Essstörung wie gesagt Isolation mag.

00:12:26: Die Betroffenen selbst ist immer dieser gesunde Anteil der Mag-Isolation nicht.

00:12:30: Wir Menschen sind eigentlich keine Wesen in der Isolationsleben sondern eigentlich in einer Gemeinschaft.

00:12:39: aber die Erkrankungen, die Ess-Störung, die Mag-Isolation, weil sie da einfach leichter bestehen kann, weil es da keine Reibung gibt oder weniger Realität und wenig bis keine Rückmeldung von außen.

00:12:57: Deswegen mag die Essstörung – Isolation!

00:13:01: Und die Geheimhaltung fördert leider oft auch eine Verzerrung.

00:13:04: Gedanken, die nur im Kopf herumkreisen aber nie ausgesprochen werden können ganz absolut wirken und ganz übermächtig werden und so viel Raum einnehmen.

00:13:16: Und solange die nur im Kopf sind und nicht ausgesprochen werden, können diese Gedanken gar nicht von jemand anderem auch mal vielleicht angeschaut werden.

00:13:27: Naja entspricht jetzt diese Angst tatsächlich der Situation?

00:13:31: also ist die Angst passend?

00:13:33: Ist das... ist da wirklich so eine große Gefahr da?

00:13:35: und so weiter?

00:13:36: ein Essstörungs typischer Gedanke entspricht in der Regel nicht wirklich der Realität oder der Wahrheit nur der Essstörungswahrheit.

00:13:46: Und im Kopf ist es aber völlig logisch, alles was im Kopf dann vor sich geht bei einer betroffenen Person das hat seine eigene Logik und solange ich's nicht ausspreche wird diese Logik nicht angegriffen.

00:13:59: Das heißt Schweigen schützt nicht nur die Essstörung Es schütz auch ihre Logik vor Widerspruch.

00:14:06: Und die Geheimhaltung führt dann halt leider wiederum dazu, da erschließt sich dann ein bisschen der Kreis dass man beginnt sich dafür wieder zu schämen.

00:14:14: Denn alles was versteckt werden muss wirkt innerlich oft auch in der Gedankenwelt noch beschämender und vor allem umso länger das Ganze andauert um so schwieriger wird es das auszusprechen.

00:14:28: Das Geheimnis sendet einem quasi immer wieder diese Botschaft, das darf niemand wissen.

00:14:33: Das ist zu viel, das ist falsch, das is peinlich, das kann ich niemandem zumuten.

00:14:39: und eben wie gesagt je länger etwas einfach geheim bleibt desto größer wird auf die Hürde es überhaupt noch anzusprechen.

00:14:46: weil jetzt ist es eh schon so spät wenn ich jetzt komme und sage ich habe schon seit einem Jahr dieses Problem oder seit weiß ich nicht einer gewissen Zeit ja jetzt kann ich das auch nicht mehr sagen Und so entsteht ein Teufelskreis.

00:14:58: Scham führt zur Geheimhaltung, Geheimhaltung führt zu Isolation.

00:15:03: Isolations verstärkt wiederum die S-Störung und die S Störungen verstärken wiederum Scham.

00:15:08: Ein schrecklicher Teufelkreis in dem sich Betroffene da befinden.

00:15:16: Jetzt möchte ich noch auf ein paar Punkte eingehen warum es zusätzlich vielleicht auch schwer ist sich Menschen anzuvertrauen.

00:15:25: einerseits habe Ehe auch schon gesagt, dass die Angst davor da ist, das Leute es nicht ernst nehmen.

00:15:32: Die Angst davor da ist ,dass man nicht verstanden wird oder dass ein sehr schneller Veränderungsdruck auch entsteht dem man nicht standhalten kann.

00:15:43: aber manchmal gibt es eine andere Ebene nämlich die Überzeugung nicht krank genug zu sein.

00:15:52: Gerade bei Essstörung ist dieser Gedanke sehr häufig, oder er ist mir zumindest in der Arbeit sehr oft schon begegnet.

00:15:58: Das Betroffene denken andere haben es schlimmer.

00:16:02: ich übertreibe Ich darf mich nicht so anstellen!

00:16:05: Ich bin nicht dünn genug, ich bin nicht krank genug, nicht verzweifelt genug Oder ich funktioniere ja eh noch im Alltag.

00:16:11: Ich kann eh noch arbeiten gehen.

00:16:13: Ich schaffs immer noch Familie, Haushalt und Arbeit alles unter einen Hut zu bringen.

00:16:20: Ich habe Hilfe gar nicht verdient, ich brauche das nicht.

00:16:22: Ich bin vielleicht nur zu sensibel, zu schwach und dann wirkt Schweigen eigentlich fast vernünftig, obwohl es innerlich sehr einsam macht weil man ja trotzdem enorm leidet auch wenn man Dinge noch hinkriegt heißt es nicht dass da nicht eine Essstörung da ist.

00:16:40: Das kann parallel bestehen.

00:16:43: Man kann trotzdem hoch funktional im Alltag sein und innerlich immer mehr im Essstörungsstrudel versinken.

00:16:54: Aber einfach diese Sorge oder dieser Glaube, ich bin nicht krank genug und anderen geht es so viel schlechter wie mir – das kann Offenheit leider eben auch noch erschweren!

00:17:06: Aber was passiert?

00:17:08: Wenn man sich vielleicht doch traut….

00:17:11: Was verändert sich wenn die Essstörung aus dem Geheimen geholt

00:17:14: wird?!

00:17:15: Es bedeutet nicht, dass wenn man beginnt sich zu öffnen die Erkrankung allen erzählt werden muss.

00:17:24: Es bedeutet auch nichts sich sofort vollständig öffnend zu müssen überhaupt nicht!

00:17:31: Das beginnt ganz viel kleiner und vielleicht im ersten Schritt eigentlich nur mal sich selbst gegenüber und zwar das man sich selbst gegenüber ehrlicher wird sich nicht mehr alles versucht wegzuerklären, den eigenen Schmerz dass der mal ernst genommen wird.

00:17:48: Dass man innerlich vielleicht auch zu gibt Ja da ist etwas das mich belastet und ich komme damit leider nicht mehr einfach klar oder es wird schon irgendwie sondern Ich brauche vielleicht doch Hilfe.

00:18:03: also dieses Eingeständnis dieses Gespräch mit sich selbst Ist auch ein Schritt in Richtung Offenheit Und der nächste Schritt kann dann sein, es einem Menschen zu sagen.

00:18:15: Einer Freundin oder einem Freund an den Partner-Partnerinnen einer Therapeuten vielleicht auch schon oder dem Hausarzt der Hausärzte und so weiter.

00:18:27: Und allein das Aussprechen kann manchmal schon ein bisschen was verändern denn in dem Moment in dem etwas gesagt wird verliert das oft auch einen Stück von dieser Allmächtigkeit.

00:18:39: Es bleibt Immer noch schwierig.

00:18:41: Es ist alles immer noch extrem schwierig, es löst vielleicht auch manchmal zuerst nochmal viel mehr Angst aus.

00:18:47: aber es kommt etwas in eine Beziehung hinein, es wird etwas angesprochenes bekommt Worte und somit wird das teilbar.

00:18:58: Es kommt weg ein bisschen aus diesem dunklen Zimmer, wo niemand hinschauen kann.

00:19:02: Sondern da ist dann mal so ein kleines Lämpchen angemacht worden um einen gewissen Teil einfach vielleicht mal sich anzuschauen.

00:19:09: und Offenheit kann tatsächlich Schab auch verringern weil Offenheits oder zumindest mal der Beginn etwas anzusprechen neue Erfahrungen ermöglicht.

00:19:21: ich zeige etwas von mir und werde nicht abgelehnt.

00:19:24: Ich sage die Wahrheit und die Welt geht nicht unter, ich bin ehrlich und trotzdem noch in Beziehung mit meinen Mitmenschen.

00:19:30: Und natürlich ist das jetzt nicht garantiert – nicht jede Reaktion ist hilfreich!

00:19:34: Nicht jede Person ist auch die richtige Person um sich im ersten Schritt zu öffnen.

00:19:41: Da gilt es schon auch zu überlegen wer wäre da denn vielleicht am besten geeignet?

00:19:46: Und manchmal ist es nicht unbedingt das private Umfeld, manchmal ist dann wirklich einfach jemand aus dem Gesundheitswesen Und wenn man noch in die Schule geht, dann vielleicht eine Lehrerin.

00:19:56: Ein Lehrer der Schulärztin oder jemand aus diesem Bereich.

00:20:02: Aber die Möglichkeit von korrigierenden Erfahrungen entsteht überhaupt erst, wenn etwas sichtbar wird.

00:20:11: Das heißt ich gebe mir erst durch die Offenheit die Chance auch ein Scham und alles Mögliche hier ein bisschen zu reduzieren.

00:20:22: Und Offenheits schafft einfach mehr Realität.

00:20:25: Die Essstörung verliert etwas von ihrer abgeschlossenen Geheimwelt, von diesem dunklen Gedanken werden überprüfbar und dadurch wird halt auch Unterstützung möglich.

00:20:40: Und vielleicht ist aber eigentlich das Wichtigste was das mit sich bringt dass die betroffene Person nicht mehr ganz alleine damit ist.

00:20:48: Aber natürlich, Offenheit löst nicht sofort das ganze Problem.

00:20:51: Überhaupt nicht!

00:20:52: Es ist kein magischer Wendepunkt und es wird nicht alles sofort leichter nur weil etwas ausgesprochen wurde.

00:20:58: Manchmal wird es sogar zuerst schwerer denn wenn das Geheimnis halt eben wegfällt tauchen vielleicht manchmal nochmal mehr Gefühle auf oder verstärkt die vorher doch kleingehalten wurden durch das Schweigen Wie Angst, Traurigkeit, Hilflosigkeit.

00:21:13: Manchmal auch Wut, Aggression und die Ambivalenz wird meistens noch mal viel stärker spürbar.

00:21:21: Ein Teil möchte wirklich Hilfe bekommen ein Teil möchte aus dem raus.

00:21:25: Ein Teil möchte keine Esbrechenfälle mehr haben, möchte wieder mehr Sozial leben

00:21:30: usw.,

00:21:30: aber ein anderer Teil hat riesige Angst und Panik vor diesem ganzen Weg, vor dieser Sicherheit was es einem gibt usw.

00:21:38: Möchte sich nur zurückziehen zwei Seiten in einem und das ist ganz anstrengend, aber ambivalent ist normal.

00:21:49: Offenheit ist deshalb nicht Genesung ja?

00:21:52: Aber sie ist oft eine ganz wichtige Voraussetzung dafür dass ein Genesungsprozess überhaupt den Raum bekommt.

00:21:58: oder eigentlich ist es eine Voraussetzung weil etwas was nicht angesprochen wird kann nicht in einen Prozess kommen also nicht in einer gesundheitsfördernden Prozess.

00:22:08: Da braucht es zumindest die Offenheit, sich selbst gegenüber das Einsehen oder das Verstehen vom eigenen Problem, dass man zumindest mit Sicht da auch mal in einen offenen Diskurs gehen kann.

00:22:21: Solange alles verborgen bleiben muss bleibt die Essstörung häufig in einer Art geschütztem Innenraum und dort kann sie schalten und walten wie sie möchte weiter wirken weil sie nicht in eine Beziehung tritt, weil sie keine Sprache hat und weil sie sich eigentlich auch von der Wirklichkeit entzieht.

00:22:42: Und die Offenheit im ersten Schritt, zuerst mal sich selbst gegenüber dann auch im Außen unterbricht diese Abgeschlossenheit.

00:22:52: Sie macht die Essstörung nicht sofort klein aber sie macht sie oft weniger unangreifbar und sie schafft etwas das für Veränderung zentral ist und das ist die Verbindung.

00:23:02: wir brauchen einfach in der Regel andere Menschen und da treten wir in Kontakt über Verbindung.

00:23:12: Was hilfreich sein kann, wenn man den ersten Schritt machen möchte?

00:23:14: Wenn jemand merkt dass die Essstörung nicht länger ganz im Geheimen bleiben soll dann muss eben wie gesagt der erste Schritt nicht groß sein.

00:23:21: denn hat man vielleicht auch für sich schon geschafft ist es sich eingestehen eben ich brauche Hilfe und da darf man sich wirklich fragen wem könnte ich am ehesten etwas sagen?

00:23:30: bei wem fühle ich mich selbst einigermaßen sicher genug um so etwas ansprechen zu können?

00:23:36: Aber auch was genau möchte ich denn überhaupt mitteilen und brauche ich nur einen Zuhörer oder eine Zuhöhrerin, oder eigentlich auch konkrete Hilfe?

00:23:47: Und auch eine wichtige Frage finde ich – wie viel möchte ich erst mal sagen und was noch nicht.

00:23:54: Man muss nichts gleich alles offenlegen!

00:23:58: Man darf sich da schon die Zeit nehmen, die es dafür braucht... Viele Menschen tun sich auch leichter, Dinge nicht direkt anzusprechen sondern zuerst mal aufzuschreiben.

00:24:08: Also einfach einmal für sich selbst Gedanken ordnen alles aufschreiben die Fragen die jetzt vorher gesagt hat zum Beispiel für sich selber zu beantworten schriftlich.

00:24:17: manche schreiben dann auch einen Brief an den Partner die Partnerin oder Mutter Vater wie immer bevor es dann ins Gespräch geht.

00:24:26: da gibt's viele Wege da in Kontakt zu treten.

00:24:29: Wichtig ist, es muss nicht perfekt sein!

00:24:31: Es muss nicht der perfekte Brief sein oder die absolut richtigen Worte.

00:24:35: Es muss auch nicht alles bis ins genaueste erklärt werden und man darf erst sagen mir fällt das unglaublich schwer aber ich brauche einfach Hilfe ohne dass sich vielleicht jetzt alles schon sagen möchte.

00:24:46: Ist übrigens auch eine wichtige Botschaft Und wenn auch ganz wichtig?

00:24:52: Vielleicht die erste Reaktion von der Person die man sich ausgesucht hat.

00:24:56: Nicht Idealist heißt das Dicht automatisch, dass die Offenheit falsch war.

00:25:02: Manchmal war die Person vielleicht einfach überfordert hat nicht damit gerechnet oder war dann doch nicht die richtige Ansprechperson?

00:25:07: Dann kann es wichtig sein – oder ist es einfach wichtig – weiterzusuchen statt sich wieder komplett ins Schweigen zurückzuziehen!

00:25:18: Also fassen wir noch mal ganz kurz zusammen.

00:25:20: S-Störungen sind häufig nicht immer natürlich mit Geheimhaltung verbunden, es stehen ganz viele Gefühle dahinter.

00:25:27: das Geheimhalten hat aber in der Regel eine Funktion Es schützt davor dass andere sich einmischen, es schütze oft vor Beschämung, vor Veränderungsdruck und manchmal auch vor dem vollen Wahrhaben der eigenen Situation.

00:25:41: Gleichzeitig hält es aber leider die Essstörung aufrecht, weil die Geheimhaltung Isolation fördert.

00:25:49: Die Scham verstärkt, aber auch eine echte Unterstützung viel schwerer macht.

00:25:55: Die Essstörungen aus dem Geheimen zu holen bedeutet nicht sofort alles offen hinzulegen und sich komplett verletzlich zu machen – das kann in kleinen Ministeps geschehen!

00:26:04: Aber genau diese Schritte können ganz wichtig sein, weil sie einfach Unterstützung ermöglichen.

00:26:11: Und wie gesagt, Offenheit löst nicht alles sofort aber es ist ein Anfang.

00:26:16: Ein Anfang raus aus dieser schrecklich einsamen Isolation!

00:26:22: Ich hoffe ihr konntet heute für euch was aus dieser Folge mitnehmen und danke dass ihr zugehört habt.

00:26:29: Ich hoffe, ihr hört auch in der nächsten Folge wieder mit rein oder schaut mal zurück was es schon so alles gegeben hat.

00:26:35: Und ich wünsche euch jetzt noch einen wunderschönen Tag und passt gut auf euch auf bis zur nächsten Folge!

00:26:43: Tschüss.

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