„Ich fühle mich größer, als ich bin“: Körperschemastörung und Essstörungen
Shownotes
Spiegel, Gewicht oder Maße beruhigen nicht, obwohl Betroffene „eigentlich wissen“, wie dünn sie sind. In dieser Folge geht es um Körperschema und Körperschemastörung bei Essstörungen: warum sich Körperwahrnehmung real verändern kann, und was in Therapie wirklich hilft.
IG: @psychotherapie.wien Homepage: www.praxis-verhaltenstherapie.at
Links: Österreich: Essstörungshotline: https://www.wig.or.at/selbsthilfe-beratung/hotline-fuer-essstoerungen Österreichische Gesellschaft für Essstörungen: https://www.oeges.or.at/Essstoerungen/Hilfe-fuer-Betroffene/Beratungsstellen/
Deutschland: Hilfe bei Essstörungen: https://essstoerungen.bioeg.de/hilfe-finden/ Deutsche Gesellschaft für Essstörungen: https://www.dgess.de
Schweiz: Essstörungsinfos: https://www.pepinfo.ch/de/anlaufstellen/index.php Schweizer Gesellschaft für Essstörungen: https://sges-ssta-ssda.ch
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00:00:01: Herzlich willkommen zu meinem Podcast Lebenskunst, dem Podcast über Essstörungen und allem, was damit verbunden ist.
00:00:17: Hallo und herzlich willkommen zu Lebenskunst Essstörungen im Fokus.
00:00:21: Mein Name ist Katja und heute habe ich eine ganz spannende Folge für euch vorbereitet und zwar geht es um die Körper-Schema-Störung.
00:00:29: Also um das innere Erleben des eigenen Körpers und darum, wie sehr sich dieses innere Erleben von der äußeren Realität unterscheiden kann.
00:00:39: Viele Betroffene beschreiben, dass Spiegel sie total irritieren, das Gewicht, Maße oder auch einzelne Körperstellen übermäßig in den Fokus rücken und dass das eigene Körperempfinden zunehmend an Sicherheit verliert.
00:01:00: In dieser Folge geht es darum, was hinter dieser veränderten Körpervernehmung steht.
00:01:05: wie sie sich entwickelt und warum es dabei nicht um Eidlichkeit geht oder um eine bloße Fehlwahrnehmung, sondern um eine ganz grundlegende Frage von Selbstbildkontrolle und vor allem innerer Sicherheit.
00:01:21: Was ist ein Körperschimmer und wie entsteht es?
00:01:24: Ich glaube, damit müssen wir mal beginnen.
00:01:27: Wenn wir Menschen uns die Frage stellen, wer bin ich?
00:01:30: Denken wir meist zuerst an unseren Namen, vielleicht an unser Geschlecht, unseren Beruf oder unsere Herkunft.
00:01:37: Manche denken vielleicht auch an Werte, die sie haben oder Überzeugungen oder an das, was ihnen wichtig ist.
00:01:44: und all das gehört auch zur Identität dazu.
00:01:48: Zu diesem inneren Gefühl davon, wer wir sind, doch Identität besteht aber nicht nur aus dem, nicht nur aus Gedanken, aus Worten oder auch so Selbstbeschreibungen.
00:01:59: Es gibt noch eine weitere oft übersehene oder einfach zumindest nicht bedachte Ebene und dieses Ich-Gefühl und zwar den körperlichen Anteil der Identität.
00:02:09: Und diesen Anteil nennen wir Körperschema.
00:02:13: Das Körperschema beschreibt, wie wir unseren eigenen Körper von innen heraus erleben.
00:02:19: Also nicht das Aussehen, sondern das Innere erleben.
00:02:25: Es ist sozusagen Man könnte sagen, wie so eine mentale Repräsentation vom eigenen Körper, ein Gespür dafür, wo der Körper beginnt und wo er endet.
00:02:35: Also auch wie sich Arme und Beine oder der Körper im Allgemeinen sich im Raum bewegen, wie sich der Körper in Ruhe oder in der Bewegung oder auch bei Berührung anfühlt.
00:02:46: Dieses Körperschema entsteht aus ganz vielen sensorischen Informationen.
00:02:53: Unser Körperschema wickelt sich durch Berührung, durch Bewegung, durch zum Beispiel unsere Muskelanspannung, aber auch unser Gleichgewicht und aus inneren Körpersignalen.
00:03:05: Also unser Gehirn versucht, all diese Eindrücke zu integrieren und sozusagen zu einer inneren Körperlandkarte zu formen.
00:03:14: Und diese Landkarte hilft uns, uns quasi im Raum und in der Bewegung zu orientieren.
00:03:22: und genau unsere Körperbewegung zu koordinieren.
00:03:26: Das Kopperschimmer ist jetzt nichts, womit wir fertig geboren werden.
00:03:31: Es entwickelt sich tatsächlich Schritt für Schritt und mit der Zeit, aber bereits in der frühen Kindheit beginnt dieser Prozess eben durch Berührungen, durch Bewegung, durch den körperlichen Kontakt mit Bezugspersonen.
00:03:44: Ein Baby beispielsweise lernt seinen Körper kennen, indem es gehalten wird.
00:03:49: und getragen wird, sich bewegt und dadurch auch spürt.
00:03:52: Und dann kriegt es immer mehr ein Gefühl, von hier bin ich und dort ist die Umwelt.
00:03:58: Und dabei spielen einfach unsere Sinne, die wir haben, eine große Rolle.
00:04:01: Also das heißt zum Beispiel unser Tastzinn, der Bewegungssinn, unser Gleichgewichtssinn.
00:04:06: Diese Reize formen und stabilisieren sozusagen das Körperschema.
00:04:12: Es ist aber nicht irgendwann voll ausgereift, sondern das Körperschema passt sich im Laufe unseres Lebens an uns an.
00:04:19: Allerdings, also reift es sich schon, umso älter wir werden, umso mehr reift es sich aus.
00:04:26: Die volle Ausreifung erfolgt eben erst viel, viel später, nicht schon in der Kindheit, passt sich aber tatsächlich einfach wirklich ein Leben lang an.
00:04:34: Ein großer Veränderungsprozess geschieht in der Pubertät, weil sich der Körper da so stark verändert und somit muss sich das Körperschema wieder neu anpassen.
00:04:43: Und manchmal sieht man das auch, wenn Jugendliche plötzlich so einen massiven Wachstumsschub haben, dass sie plötzlich öfters stolpern oder auch sich anschlagen, irgendwo dagegen rennen und so weiter.
00:04:56: Das ist meistens, weil das Körperschema sich noch nicht ganz angepasst hat und somit dieser dieses Gespür dafür, wie schaut mein Körper gerade aus, wie kann ich ihn bewegen, nicht ganz so da ist.
00:05:09: und dann tendiert man eben dazu auch mal, ja, sich ein bisschen tollpatschig zu bewegen.
00:05:16: Und das Kopperschema ist halt wirklich von ganz zentraler Bedeutung, dass es beeinflusst maßgeblich, wie wir uns selbst wahrnehmen und wie wir mit unserem Körper auch im Alltag umgehen.
00:05:28: Es sorgt auch dafür, dass sich Bewegung und Selbstgefühl stimmig anfühlen und ganz selbstverständlich.
00:05:35: Ohne ein stabiles Körperschema könnten wir ganz viele alltägliche Aufgaben gar nicht erfüllen, wie gehen, greifen oder auf das Einschätzen von Entfernungen und so weiter.
00:05:45: Das würde alles nicht zuverlässig funktionieren und das wäre ein Riesenproblem für uns Menschen.
00:05:51: Darüber hinaus trägt das Körperschema aber auch wesentlich dazu bei, dass wir uns in unserem Körper halt zu Hause fühlen und dass wir uns auch in unserem Körper wohl fühlen.
00:06:01: Und Störungen in diesem Bereich können daher das Wohlbefinden eines Menschen und vor allem aber auch das Sicherheitsgefühl und dann die Lebensqualität ganz erheblich beeinträchtigen.
00:06:12: Und genau deshalb spielt es auch eine ganz zentrale Rolle im Zusammenhang mit Essstörungen.
00:06:18: Wenn sich der eigene Körper fremd anfühlt, bedrohlich oder nicht richtig, betrifft das nicht nur das Essen, sondern das gesamte Selbstgefühl und die Beziehung zum eigenen Körper.
00:06:30: Gerät das Körperschema, also aus der Balance, spricht man von einer Körperschema-Störung.
00:06:36: In solchen Fällen kann es passieren, dass sich der eigene Körper fremd oder ihm nicht richtig anfühlt.
00:06:41: Das kann sich aber ganz unterschiedlich äußern.
00:06:45: Manche Menschen berichten oft davon, dass sie bestimmte Körperteile nicht mehr spüren, ihre Bewegung nicht mehr ganz so präzise koordinieren können oder dass ihr Körper ihnen insgesamt ganz ungewohnt erscheint, wie etwa schwerer oder breiter oder unförmiger.
00:07:02: Das kann natürlich, wenn man plötzlich so ein seltsames Gefühl hat, diesbezüglich, zu Angst führen, aber auch Unsicherheit und vor allem oft zu sehr viel Vermeidungsverhalten.
00:07:13: Und es geht dabei gar nicht um Einbildung, sondern, oder dass es eine rein psychische Vorstellung ist oder so.
00:07:20: Körperschema-Störungen sind ganz real und vor allem medizinisch auch anerkannte Phänomene.
00:07:26: Es gibt auch zahlreiche Forschung dazu.
00:07:30: Die Körperschema-Störung entsteht, wenn diese Integration von den verschiedenen Sinnes eindrücken und die Verarbeitung im Gehirn nicht mehr gut funktioniert.
00:07:42: Die Ursache dazu gibt verschiedene Ursachen, was das auslösen können.
00:07:48: Einerseits neurologische Erkrankungen, aber auch Verletzungen, traumatische Erlebnisse oder auch durch starke Veränderungen im eigenen Körper kann das ebenfalls ausgelöst werden.
00:08:00: Die Betroffenen erleben ihre Beschwerden tatsächlich und benötigen oft ganz gezielte therapeutische Unterstützung, um ihr Körperschema wieder ins Gleichgewicht zu bringen.
00:08:09: weil sie wirklich mit enorm viel Unwohlsein verbunden ist.
00:08:14: Und das Körperschema in sich ist wirklich eine hinverankerte Funktion.
00:08:18: Es entsteht durch die Integration von verschiedensten Informationen, durch unsere Bewegung, durch die Gelenkwahrnehmung, durch das Gleichgewicht, durch innere Körpersignale und so weiter und so fort.
00:08:31: Und die Integration erfolgt im Gehirn, und zwar im parietalen, frontalen und insulären Netzwerken im Gehirn.
00:08:41: Und wenn diese Integration eben gestört ist, nicht mehr gut funktioniert, entsteht eine reale Abweichung zwischen dem äußeren Körperzustand und dem inneren Erleben, unabhängig davon, wodurch diese Störung ausgelöst wird.
00:08:57: um das aber verständlicher zu machen, weil ich weiß, es ist auch in der Arbeit mit Angehörigen und ich fand es selbst auch immer ganz, ganz schwierig tatsächlich zu verstehen, was jetzt eine Körperschema-Störung ist.
00:09:09: Und ich habe ein Beispiel mitgebracht, was es vielleicht ein bisschen greifbarer macht.
00:09:14: Es gibt nämlich beispielsweise einen sehr gut untersuchtes medizinisches Phänomen und zwar nach Amputationen erleben viele Menschen weiterhin Phantomglieder.
00:09:24: oder von Tomschmerz.
00:09:26: Das heißt, nehmen wir eine Person her, ein Mann, sehr wurscht, dem wurde aus welchem Grund auch immer das Bein amputiert.
00:09:35: Und jetzt ist das Objektiv klar, Dieses Bein ist nicht mehr da.
00:09:40: und dennoch spüren Betroffene nach Amputationen ganz oft trotzdem noch dieses Bein.
00:09:48: Sie haben manchmal Yukreis, sie haben Phantonschmerz, also Schmerzempfindungen in dem Bein, das nicht mehr da ist.
00:09:55: Auch Spannungsempfindungen oder sie spüren es, wie es auch dort liegt.
00:09:59: Der Körperteil eben das Bein ist objektiv nicht mehr vorhanden.
00:10:04: Aber das Körperschema hat sich noch nicht angepasst.
00:10:07: Das Körperschema von Vorderamputation besteht noch weiter.
00:10:11: Dieses Phänomen ist eigentlich medizinisch.
00:10:14: Wenn ihr ja kennt das, ich bin mir sicher, ihr habt schon davon gehört, das heißt, es ist anerkan und neuroanatomisch eigentlich ganz gut untersucht.
00:10:22: Und hier würde auch niemand von Einbildung sprechen.
00:10:26: Die Ursache, warum man eine Körperschema-Störung in dem Moment hat, ist zwar eine andere wie bei S-Störungen, aber das Gefühl ist sehr ähnlich.
00:10:35: Das Körperschema passt nicht überein, mit dem wie der Körper tatsächlich ist.
00:10:42: Kommen wir zurück zu Essstörungen.
00:10:44: Bei Essstörungen insbesondere bei länger bestehender Restriktion, also wenn jemand einfach über längere Zeit hinweg wenig oder weniger gegessen hat und auch bei Untergewicht zeigen Studien bei vielen Betroffenen veränderte Aktivierungen in jenen Hirnarealen, die für die Körperwahrnehmung zuständig sind.
00:11:05: Sind die gleichen Hirnareale wie jetzt bei den Patienten mit der Beinamputation?
00:11:11: Und zu den beobachteten Veränderungen zählen unter anderem eine veränderte Wahrnehmung von den inneren Körpersignalen, auch Schwierigkeiten bei der Verbindung vom visuellen Reiz, also das, was ich sehe, mit der körper eigenen Information und auch eine Geringere Genauigkeit in der Einschätzung von Körpergröße und Körpergrenzen.
00:11:35: Es gibt meistens in Kliniken so eine Übung, wo man Personen mit einer Körperschema-Störung bittet, ihren Körper mal in Größe und Ding etwa aufzeichnen zu lassen.
00:11:47: Und es weicht total stark von dem ab, wie die Personen objektiv tatsächlich sind.
00:11:54: Wichtig ist dabei, es handelt sich nicht um ein Körperbildproblem.
00:11:59: Das Körperbild ist das, wie ich finde mich zu dick.
00:12:05: Das Körperschema ist mein Körper fühlt sich anders an, mein Körper fühlt sich zu viel an.
00:12:13: Also es ist das Erleben nicht, wie ich mich sehe, kognitiv und bewährte, sondern wie sich mein Körper anfühlt.
00:12:19: Und der Unterschied jetzt bei der Amputation ist einfach die Ursache, wodurch diese Körperschema-Störung verursacht wurde.
00:12:27: Aber die Auswirkung, ja, da gibt es Überschneidungen.
00:12:31: Bei Essstörungen entsteht die Kappa-Schema-Störung jetzt nicht zufällig.
00:12:36: Sie entwickelt sich meist aus dem Zusammenhang von verschiedenen Faktoren.
00:12:40: Es ist selten ein einzelner Faktor ursächlich, meistens ist es die Kombination.
00:12:46: Und bei manchen Menschen besteht schon ganz früh auch schon vielleicht teilweise vor der Essstörung ein unsicheres Körpergefühl.
00:12:54: Manchmal haben auch Kinder schon Schwierigkeiten, Hunger oder Sättigung gut zu spüren oder Müdigkeit und ganz wenig Vertrauen in das eigene Körper empfinden.
00:13:04: Das Körperschema entsteht zudem eigentlich auch nicht isoliert, sondern meistens im Kontakt mit anderen Menschen, vor allem in der frühen Kindheit eben.
00:13:12: Und wenn wenig vereinfühlige Reaktionen auf körperliche Bedürfnisse da waren oder auf viel chronischer Stress oder Grenzverletzungen oder emotionale Vernachlässigung usw.
00:13:26: Das alles kann dazu beitragen, dass der Körper sich nicht mehr als einen sicheren Ort anfühlt, dass man sich so unwohl fühlt in sich selbst, in der eigenen Haut, dass dadurch das Körperschema schon mal ein Stück weit irritiert wird.
00:13:39: Und wenn dann... Das Kind in Richtung Pubertät geht, ist das tatsächlich ein sehr sensibles Zeitfenster, wo Körpergrenzen sich ja generell dann schon nochmal verändern und das Selbstbild aber dann meistens eh schon so instabil ist und das Gehirn sich auch noch so krass im Umbau befindet, dass das einfach eine ganz, ganz, ganz vulnerable Phase ist, auch für das Körperschema sich da gut weiterzuentwickeln und anzupassen, dass sich die betroffene Person auch wieder sicher im eigenen Körper fühlt.
00:14:11: Und, was aber auch ist, selbst wenn jetzt zum Beispiel jemand vor der Essstörung durchaus ein gutes Körperschema hatte, kann es aber passieren, dass durch das Hungern eine Körperschema-Störung entstehen kann.
00:14:26: Hunger ist kein neutraler Zustand für das Gehirn.
00:14:29: Das Gehirn mag Hungern überhaupt nicht, das Gehirn braucht Nahrung und schon nach relativ kurzer Unterversorgung verändert sich einfach die Wahrnehmung innerer Signale und damit auch die.
00:14:40: Das ist jetzt so ein schwieriges Wort, aber es nennt sich somatosensorische Verarbeitung und die Integration im Gehirn.
00:14:47: Und der Körper wird nicht mehr zuverlässig von innen gespürt.
00:14:50: Und viele Betroffene schildern dann wie eine Art sich fremd fühlen im eigenen Körper.
00:14:56: So, ich fühle mich nicht mehr im Körper, ich fühle mich fremd vom Körper.
00:15:00: Ich kann mich mit meinem Körper vielleicht auch nicht verbinden.
00:15:04: Ich fühle mich nicht zusammengehörig, sagen manche auch.
00:15:09: Was ich von Angehörigen oft hören, das ist auch absolut nachvollziehbar, aber sie weiß doch, dass sie zu dünne ist.
00:15:15: Ja, auf kognitiver Ebene stimmt das oft und Betroffene wissen das in der Regel durchaus auch, durch das körperliche Erleben sagt trotzdem etwas anderes.
00:15:27: Das körperliche Erleben ist viel emotionaler und kann gar nicht wirklich so gesteuert werden wie rationales Wissen.
00:15:35: Und deshalb kann sich die Störung Aufrechterhalten, auch wenn die Einsicht oder das Wissen darüber, dass man gar nicht so schwer sein kann, wie man sich fühlt, da ist.
00:15:45: Aber wenn ich es immer wieder anders fühle, dann komme ich, ja, das löst Zweifel aus und dann ist man permanent ganz massiv verunsichert.
00:15:55: Auch traumatische Erfahrungen, insbesondere mit Körperbezug, können das Körperschema beeinflussen und so eine Art Entfremdung oder Taubheitsgefühl auch auslösen.
00:16:06: Auch gesellschaftlicher Druck, dieser ständige Vergleich kann den Fokus verschieben vom inneren Erleben hin zu äußeren Bewertungen, wo man dann immer versucht, sich selbst irgendwie an die Welt anzupassen und nicht mehr auf sich zu hören.
00:16:18: Und dadurch kann man auch schnell mal den Bezug zu sich selbst verlieren.
00:16:24: Ich habe vorhin mal kurz gesagt, dass das Körperschema nicht das Körperbild ist.
00:16:28: Darauf möchte ich noch mal kurz eingehen, weil das oft auch verwechselt wird.
00:16:32: Das Körperschema beschreibt also wirklich, wie ich das gerade erklärt habe, wie sich der Körper anfühlt.
00:16:37: Und das Körperbild beschreibt, wie ich über den Körper denke und wie ich über meinen Körper urteile.
00:16:45: Beide Sankturhas auch zusammen ist aber nicht identisch.
00:16:48: Trotzdem braucht beides in der Therapie auch Beachtung.
00:16:51: Aber wie kann man jetzt so eine Körperschema-Störung behandeln?
00:16:54: Es gibt jetzt nicht so den einen Behandlungsweg, sondern man muss schon sehr individuell auch an die Personen anpassen, weil es eben auch, ja, gerade bei Essstrahlung.
00:17:04: Es ist alles so ein komplexes Zusammenspiel von Körper, Gehirn, Erfahrung, Beziehung.
00:17:10: Social Media, Gesellschaft, Kultur, ganz individuelle Erfahrungen und so weiter und entsprechend dem braucht es eine individuelle Behandlung.
00:17:19: Aber man kann sagen, gerade im Kontext von Essstörungen ist auf jeden Fall mal eine körperliche Versorgung wichtig.
00:17:28: Nicht weil Gewicht allein das Problem löst, nein, sondern weil das Gehirn nur unter stabilen Bedingungen Körper Signale einfach verlässlich verarbeiten kann.
00:17:37: Der Mensch braucht ein bestimmtes Gewicht, um funktionieren zu können.
00:17:41: Der Körper kann, sondern ist er sonst nur im Alarmmodus und kann nicht mehr gut funktionieren.
00:17:46: Deswegen ist auch gerade bei untergewichtigen Personen diese Stabilisierung am Anfang so wichtig.
00:17:54: Weil wie wir vorher eben gehört haben, Hunger, Unterernährung oder auch ganz starke Schwankungen verzerren die Wahrnehmung des Körpers.
00:18:01: Und solange dieser Zustand anhält, kann sich das Körperschema nicht neu organisieren oder nur sehr schwer.
00:18:08: Ja, deswegen ist diese Stabilisierung des Essverhaltens eigentlich keine Nebenbedienung, sondern eine Voraussetzung dafür, dass die therapeutische Arbeit überhaupt greifen kann.
00:18:20: Jetzt ist es natürlich aber wichtig, gerade für die Körperschema-Störung auch einfach körperorientiert zu arbeiten, also nicht rein durch Gespräche, also durchaus auch.
00:18:29: Aber es braucht schon auch körperorientierte Interventionen, zum Beispiel Achtsamkeitsübungen.
00:18:35: Achtsamkeits basiert die Körperwahrnehmung, wie zum Beispiel achtsames Gehen.
00:18:39: Hier geht es darum, immer wieder ins Hier und Jetzt zu kommen, in den eigenen Körper hineinzuspüren, ohne ihn zu bewerten.
00:18:46: Hier geht es nur um das Üben der Körperwahrnehmung.
00:18:50: Aber auch Atemübungen oder so Entspannungsübungen können sehr hilfreich sein.
00:18:57: Es geht um die Auseinandersetzung wieder mit dem eigenen Körper, ihn anzuschauen, ihm den Fokus zu geben, ihn wahrzunehmen in kleinen Übungen.
00:19:06: Und auch Übungen zur Wahrnehmung von Körpergrenzen, das kann man nochmal gut mit Gewichten und Kontakten machen.
00:19:15: Eben.
00:19:16: Und da geht es jetzt aber nicht darum, den Körper zu bewerten oder zu korrigieren, sondern darum, ihn einfach wieder zu spüren.
00:19:24: Viele Betroffene haben Schwierigkeiten, auch so innere Signale wie Hungergefühl, Sättigungsgefühl, Müdigkeit, Anspannung und so weiter wahrzunehmen.
00:19:35: Auch das ist ein ganz wichtiger Teil der Behandlung, da einfach wirklich diese Körperwahrnehmung auch nochmal zu schulen.
00:19:43: Gerade bei Essstellungen ist da eben auch die Dietologie so hilfreich, weil auch die gerade den Aspekt total in den Fokus setzen, dieses Spüren von Hunger und Sättigung.
00:19:55: Und ich glaube auch die nehmen da ganz viel so achtsamkeitsbasierte Methoden mit hinein.
00:20:02: Weil es ist total wichtiger, die Sprache des Körpers halt auch wieder zu lernen und den Körper zu verstehen, damit ich danach handeln kann.
00:20:12: Ja, wenn ich meinen Körper nicht verstehe oder wenn ich ihn nicht höre, kann ich auch nicht danach handeln.
00:20:19: Und die Arbeit im Körperschema ist etwas sehr Langsames.
00:20:21: Das geht nicht über Nacht, es braucht Zeit, es braucht Geduld.
00:20:26: Das Körperschema ist aber in der Lage, sich wieder anzupassen an den Körper so, wie er tatsächlich ist, sodass es sich wieder stimmiger anfühlt.
00:20:35: Und Psychotherapie an sich ist da einfach auch eine ganz wichtige Begleitung, um... All die Erfahrungen, die Essstörungen, all das, was das mit einem Menschen macht, einfach gut bearbeiten zu können.
00:20:49: Es geht unter anderem darum, um das Kontrollbedürfnis, um Sicherheitsbedürfnis, um die Angst vor Kontrollverlust, um so Gefühle wie Charme oder auch das Selbstwert und die Identitätsentwicklung.
00:21:02: Also da gibt es ganz viele verschiedene Themen, die man sich dazu anschauen muss, um auch vielleicht zu verstehen.
00:21:09: Wie ist das Ganze entstanden?
00:21:12: Was war da vielleicht auch eine Ursache?
00:21:15: Was ist so mein eigenes Puzzle, das ich heute an dem Punkt bin?
00:21:18: Und wie kann ich das vielleicht durch gesunde Dinge ersetzen?
00:21:23: Wichtig ist, nicht jede Körperschema-Störung hat einen traumatischen Ursprung, aber wenn ein Trauma beispielsweise da ist, muss das auf jeden Fall sehr mit berücksichtigt werden.
00:21:32: Also gerade, wenn es um Traumata geht, wo die Körpergrenzen überschritten wurden.
00:21:39: Auch die Arbeit am Körperbild, also an Gedanken, Bewertungen und Einstellungen, ist total sinnvoll, solange das Körperschirm aber ganz stark verzerrt ist, greifen diese kognitiven Interventionen oft nicht oder nur sehr, sehr langsam.
00:21:53: Trotzdem ist es wichtig, dass von Anfang an finde ich persönlich immer wieder einzuführen und mit dem parallel auch zu arbeiten.
00:22:02: Und wenn das innere Körper erleben aber stabiler wird, dann kann eben auch die gedankliche Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper nochmal ein Stück weit wirksamer sein.
00:22:13: Genau.
00:22:14: Die Körperschema-Störung ist wirklich etwas ganz Komplexes und ich habe selbst auch viel dazu recherchieren müssen, immer und immer wieder, um es tatsächlich wirklich gut verstehen zu können.
00:22:26: Die Körperschema-Störung erklärt, finde ich, aber auch vieles... wie es so Menschen zu handeln, wie sie handeln, es entschuldigt aber dennoch nicht alles und es hebt auch die persönliche Verantwortung natürlich nicht auf.
00:22:39: Eine Körperschema-Störung bedeutet nicht, dass das Verhalten irgendwie folgenlos bleibt oder dass andere Menschen unbegrenzt Rücksicht nehmen müssen, das nicht.
00:22:48: Und auch mit einer Körperschema-Störung bleiben Entscheidungen natürlich wirksam.
00:22:53: Handlungen haben Auswirkungen und es gibt natürlich trotzdem Konsequenzen.
00:22:59: Das ist dann betroffen, aber in der Regel auch bewusst.
00:23:02: Es ist aber dennoch wichtig zu unterscheiden.
00:23:07: Ein Mensch hat Selbstverantwortung, Eigenverantwortung, aber Eigenverantwortung setzt Handlungsfähigkeit voraus.
00:23:15: Und das ist bei einer Körperschema-Störung besonders im Kontext von Essstörungen eingeschränkt.
00:23:23: Ja, das heißt, verstehen heißt deshalb nicht, dass schädliche Verhalten jetzt gut zu heißen, ja, falls jetzt da gerade ein Elternteil zuhört oder auch das Verhalten zu relativieren.
00:23:33: Es bedeutet aber, dass es wichtig ist, ganz realistisch einzuschätzen, was einem Menschen in einem bestimmten Zustand tatsächlich auch möglich ist und was nicht.
00:23:48: Und deswegen muss man da immer ganz, ganz gut hinschauen.
00:23:52: Ich hoffe, ich habe es geschafft, euch das Körperschema und die Körperschema-Störung ein bisschen verständlich quasi zu erklären.
00:24:01: Und ja, wenn euch die Folge gefallen hat, freue ich mich über eine Bewertung oder wenn ihr jemanden kennt, den ihr ebenfalls interessieren könnt, gerne teilen und ich hoffe, ihr hört auch beim nächsten Mal wieder mit rein und ich wünsche euch noch einen wunderschönen Tag.
00:24:15: Tschüss!
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