Unsichtbar krank: Essstörungen bei Jungen und Männern
Shownotes
„Ein Mann bekommt keine Essstörung.“ Ein Satz, der falsch ist, und gefährlich.
In dieser Folge spreche ich darüber, warum Essstörungen bei Jungen und Männern noch immer übersehen, verharmlost oder erst sehr spät erkannt werden. Magersucht, Bulimie und Binge-Eating-Störung betreffen alle Geschlechter, doch stereotype Bilder führen dazu, dass viele Betroffene zu lange keine Hilfe erhalten.
Außerdem widme ich mich in dieser Folge einer besonderen Ausprägung, der Muskelsucht.
Jetzt anhören.
IG: @psychotherapie.wien
Homepage: www.praxis-verhaltenstherapie.at
Links:
Österreich:
Essstörungshotline: https://www.wig.or.at/selbsthilfe-beratung/hotline-fuer-essstoerungen
Österreichische Gesellschaft für Essstörungen: https://www.oeges.or.at/Essstoerungen/Hilfe-fuer-Betroffene/Beratungsstellen/
Deutschland:
Hilfe bei Essstörungen: https://essstoerungen.bioeg.de/hilfe-finden/
Deutsche Gesellschaft für Essstörungen: https://www.dgess.de
Schweiz:
Essstörungsinfos: https://www.pepinfo.ch/de/anlaufstellen/index.php
Schweizer Gesellschaft für Essstörungen: https://sges-ssta-ssda.ch
Transkript anzeigen
00:00:07: Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Folge meines Podcasts Lebenskunst, Essstörungen im Fokus.
00:00:23: Heute richten wir den Blick auf ein Thema, das leider viel zu wenig Beachtung findet und oft auch nur am Rande erwähnt wird.
00:00:30: Und zwar geht es heute um Essstörungen bei Jungen und Männern, wobei ich vor allem auch die Muskelsucht näher betrachten möchte.
00:00:38: Hallo, schön, dass du da bist.
00:00:39: Mein Name ist Katja Demater.
00:00:41: Ich bin Psychotherapeutin und heute Möchte ich dir ein ganz wichtiges Thema näher bringen und ich werde mal sagen, wir steigen direkt ins Thema ein.
00:00:57: Ein Mann bekommt keine Essstörung.
00:00:59: Solche Ansichten sind, meines Erachtens nicht nur falsch, sondern auch folgenschwer, könnte man sagen.
00:01:07: Sie können die Ursache dafür sein, dass betroffene Jungen und Männer viel zu spät behandelt werden.
00:01:14: Bei Essstörungen wie Magersucht oder Bulimie denken einfach nach wie vor viele vor allem an Mädchen und junge Frauen.
00:01:23: Essstörungen bei Jungen und Männern werden deshalb oft gar nicht oder erst sehr spät erkannt und dann auch erst sehr spät behandelt.
00:01:31: Dabei kann eine Essstörung, wir wissen ganz ernste Folgen für die körperliche und vor allem auch die psychische Gesundheit haben und das ganz unabhängig vom geschlechter betroffenen Person.
00:01:44: Ich habe viel recherchiert und die verfügbaren Daten, die wir halt derzeit haben oder die ich auch finden konnte, zeigen natürlich schon deutlich, dass mehr Mädchen oder Frauen mit einer Essstörung diagnostiziert werden als Jungen und Männer, vor allem wenn es um die Magersucht oder die Bulimie geht.
00:02:01: Dabei ist es aber wichtig zu bedenken, das Bild der Erkrankung, also eine Art Mädchen oder Frauenkrankheit, kann ein Grund dafür sein, dass eine Essstörung bei Jungen und Männern oft eben nicht erkannt wird und sie deshalb in manchen Statistiken erst gar nicht auftauchen.
00:02:21: Manche schämen sich wirklich sehr dafür, eine Krankheit zu haben, die in der öffentlichen Wahrnehmung mit Weiblichkeit verknüpft ist.
00:02:30: Und jeder, der sich schon mal für etwas geschämt hat, weiß, wie unangenehm sich das anfühlt und wie schwer wir uns dann tun, da auch Hilfe in Anspruch zu nehmen.
00:02:39: Das heißt, wenn dieses Gefühl der Scham da ist, tun Sie sich, deshalb oft wirklich sehr schwer darüber zu sprechen und Hilfe zu suchen.
00:02:47: Generell, sich im psychotherapeutische Behandlung zu begeben, ist ja für Jungen und Männer ohnehin schon oft eine wesentlich größere Hürde als für Mädchen und Frauen, was sehr schade ist.
00:02:59: Und ganz oft passiert es auch, dass Symptome einer Essstörung bei Jungen und Männern eher übersehen werden oder auch nicht als Anzeichen einer Essstörung gewertet werden.
00:03:11: Vielleicht liegt also die Zahl der männlichen Betroffenen höher als bisher angenommen.
00:03:16: Das ist jetzt aber so meine eigene persönliche Hypothese.
00:03:21: Wer auch vorherige Folgen von mir schon gehört hat, weiß, Essstörungen sind einfach wirklich sehr komplex und meiner Erfahrung nach verlaufen sie von Mensch zu Mensch ganz unterschiedlich.
00:03:33: Wir Menschen sind so unglaublich individuell, auch wenn wir uns in manchen der Symptome dann gleichen, bringt jeder und jede eine ganz individuelle Geschichte mit, mit ganz unterschiedlichen Auslösern und Ursachen, die da dahinter liegen.
00:03:49: Denn also nicht jede Frau mit einer Bulimie erlebt dasselbe und nicht jeder Mann mit einer Mager sucht, verhält sich gleich.
00:03:56: In meiner Recherche bin ich aber immer wieder darüber gestoßen, dass auch genauer geschaut wird, was geschlechtsspezifisch eventuell da sein könnte.
00:04:06: Fachleute gehen davon aus, dass es manchmal ein paar Unterschiede gibt im Erleben und im Verlauf der Krankheit, die mit dem Geschlecht zu tun haben.
00:04:18: So habe ich jetzt in meiner Recherche zumindest mal herausgefunden, ob das dann tatsächlich so ist.
00:04:22: Ja, weiß ich nicht.
00:04:24: Aber ich habe herausgefunden, dass Jungen in der Regel ein kleines bisschen später erkranken als Mädchen, jetzt unabhängig davon, ob die Diagnose erst verzögert.
00:04:39: gestellt wurde.
00:04:40: Und das liegt aber vermutlich daran, dass die Pubertät bei den Jungen meist einfach auch ein wenig später einsetzt.
00:04:47: Und die Pubertät ist schon einfach aufgrund der zahlreichen Veränderungen, die damit einhergehen, einfach eine ganz sensible Phase, in der Jugendliche einfach sehr verletzlich sind für die Entwicklung einer psychischen Erkrankung.
00:05:03: Und auch das Rollenbild, das in der Gesellschaft vorherrscht, ist ein anderes als das weibliche Rollenbild.
00:05:10: Und somit hat auch das ein bisschen andere Folgen.
00:05:13: Während Frauen eher damit konfrontiert werden, möglichst schlank zu sein und dadurch auch tendenziell eher eine Gewichtsreduktion anstreben, liegt der Fokus beim Männern eher auf Muskelaufbau.
00:05:27: Ganz im Sinne des starken Mannes, der kräftig ist, der... beschützen kann.
00:05:34: Und das könnte möglicherweise auch ein Grund sein, dass viele, aber nicht alle erkrankten Jungen und Männer eh übermäßig Sport machen und vor allem Krafttraining.
00:05:45: Und man könnte sagen, dass dahinter sicher auch ein Stück weit dieses männliche Körper ideal steckt, dass einfach vermittelt wird über verschiedenste Kanäle, über Social Media, über Werbung, über Filme und so weiter.
00:06:01: Und das Dadurch einfach der Wunsch nach einer muskulosen Körperarm bei vielen doch recht stark ist.
00:06:12: Und da geht es dann meistens ab einem gewissen Zeitpunkt daran, wirklich darum Muskeln aufzubauen und den Körper fettanteil so stark zu reduzieren, wie nur irgendwie möglich.
00:06:27: Jungen und Männer haben es schwerer, bei einer Essstörung den Weg in die Behandlung zu finden.
00:06:32: Das ist jetzt eine gewagte These.
00:06:34: Aber das ist meine persönliche Erfahrung oft auch, dass viele länger darüber nachdenken, sich Hilfe zu suchen, als das vielleicht auch bei Mädchen und Frauen der Fall ist.
00:06:43: Ich weiß jetzt nicht, wieso es akzeptierter ist, als Frau in Therapie zu gehen oder Hilfe sich in Anspruch zu nehmen, hat wahrscheinlich auch mit diesen Entstarke.
00:06:51: man braucht, keine Hilfe und kann alles selbst, vielleicht hat das damit auch ein bisschen was zu tun.
00:06:57: Es melden sich aber oft.
00:07:00: Frauen oder Mädchen oder Familien mit Mädchen ein bisschen schneller, aber das ist jetzt auch teilweise einfach nur sein persönliches Empfinden.
00:07:10: Es kommt oft auch dazu, dass einfach medizinische Fachkräfte auch bei auffälligem Gewicht, egal jetzt in welche Richtung es geht, tendenziell dazu neigen, eh zuerst nach körperlichen Ursachen zu suchen und eine Essstörung erst später auch in Betracht gezogen wird.
00:07:28: Und all diese Faktoren zusammen bedeuten leider, dass Betroffenen vielen Fällen halt nicht die Hilfe bekommen oder selbst auch suchen, die sie eigentlich dringend benötigen würden.
00:07:39: Und so wie es halt natürlich oft ist, gerade bei Essstörungen oder auch bei Sport sucht, Muskel sucht, meistens gibt es einfach Komorbiditäten, also sprich Begleiterkrankungen oft.
00:07:51: Geht es mit einer depressiven Verstimmung einheuer, überwiegend vielen Ängsten bis hin zu einer Angststörung oder auch sehr zwanghaften Verhalten, was auch in einer eigenen Zwangserkrankung münden kann.
00:08:02: Und dort gibt es eben gerade aus der Muskel sucht die Kombination mit einer Essstörung oder zumindest einem gestörten Essverhalten.
00:08:11: Aber grundsätzlich wie schon zu Beginn erwähnt, können alle Essstörungen auch bei Jungen und Männern auftreten.
00:08:18: Egal, ob das jetzt eine Anorexie ist, eine Bulimie, eine Binscheatingstörung oder eine atypische Form davon oder Mischformen davon.
00:08:27: Das ist auch bei Männern und bei Jungen möglich.
00:08:29: Und wer sich für die einzelnen Erkrankungen im Detail jetzt auch interessiert, ich habe dazu schon einige Podcast-Episoden gemacht.
00:08:39: Die kannst du dir gerne dann auch noch anhören.
00:08:42: Heute möchte ich aber jetzt noch auf eine Sonderform eingehen, und zwar die sogenannte Muskelsucht.
00:08:49: Es handelt sich dabei um eine Art Verhaltensstörung.
00:08:52: Die Betroffenen beschäftigen sich in einem extremen Ausmaß mit der Muskelmasse ihres Körpers und ihr Selbstwertgefühl hängt ganz stark davon ab, wie ausgeprägt die Muskeln sind.
00:09:06: Meistens beeinflusst das das gesamte Leben.
00:09:08: Das heißt, der Tagesablauf von Betroffenen ist bestimmt durch das Training.
00:09:14: Viele halten sich penibel genau an Diätpläne, die so ausgerichtet sind, dass Muskelaufbau stattfinden.
00:09:23: Und in der Regel zeigen viele einfach ein gestörteres Essverhalten.
00:09:27: Bis hin zu einer zusätzlich eigenständigen Essstörung.
00:09:31: Teilweise nehmen Betroffene auch Proteinpräparate oder verschiedenste Medikamente, die das Muskelwachstum fördern.
00:09:42: Im Extremfall trainieren sie auch bei Verletzungen oder gesundheitlichen Problemen weiter und das entgegen dem ärztlichen Rat.
00:09:50: Und das kann auch sehr lebensgefährlich werden, wenn man den Körper da über jegliche Grenze hinüberbringt.
00:09:59: Man kann sich das ja, wenn man das mal so überlegt, dass man überhaupt zu diesem Muskelaufbau kommt, das sind keine dreißig Minuten Trainingseinheiten.
00:10:08: Das heißt, Trainingseinheiten nehmen enorm viel Zeit in Anspruch.
00:10:12: Daher vernachlässigen viele Betroffene meistens auch ihren Freundes und Bekanntenkreis.
00:10:19: Einladungen zum Essen beispielsweise werden häufig abgelehnt, aus der Angst heraus vom eigenen Diätplan abweichen zu müssen.
00:10:28: da ein Abweichen sowohl vom Trainingsplan als auch vom Diätplan oft mit so ganz starken Gefühlen verbunden ist.
00:10:37: Viele berichten dann ein schlechtes Gewissen oder auch das Gefühl, jetzt passt es nicht mehr, jetzt habe ich alles ruiniert.
00:10:45: Das ist oft ein Begleitgedanke, der wiederum Gefühle auslöst.
00:10:50: Und wie gesagt, mit der Zeit vernachlässigen Betroffene leider auch oft schulische Verpflichtungen oder berufliche Verpflichtungen.
00:10:59: und eine Muskelsucht ist jetzt keine Essstörung im engeren Sinne.
00:11:04: Die Krankheitszeichen und ihre Entwicklung ähneln jedoch den Essstörungen.
00:11:09: Das Selbstwertgefühl ist wirklich oft sehr gering und wird von äußeren Dingen wie dem Körper abhängig gemacht.
00:11:17: Betroffene versuchen auch mit ihrem Verhalten oft Emotionen zu regulieren oder Kontrolle über sich und das eigene Leben auch zu erlangen, also dieser starke Kontrollbedürfnis.
00:11:30: Viele bauen sich natürlich auch dann im Fitnessstudio einen zusätzlichen Freundeskreis auf oder einen neuen Freundeskreis, wodurch sich aber an einem gewissen Zeitpunkt das Leben eigentlich dann nur noch ins Fitnessstudio verlagert und eigentlich nur noch dort stattfindet.
00:11:48: Das heißt das soziale Netz.
00:11:51: findet dann dort statt und verlagert sich immer mehr aus der Außenwelt dorthin.
00:12:00: Aber dort gibt es natürlich auch total viele Vergleiche.
00:12:03: Es gibt es gegenseitige Puschen und auch das Streben nach Perfektion.
00:12:07: Und die Angst, es nicht so korrekt zu machen wie die anderen, das wird meistens auch mit der Zeit immer größer.
00:12:15: Das Problem ist, wenn man selbst dann aussteigt, weil man vielleicht schon sehr darunter leidet, verliert man auch gleichzeitig diesen neuen Rückhalt, diese sozialen Kontakte, die Freundschaften, die man sich da aufgebaut hat, auch die Anerkennung, die man kriegt, das Lob, die Aufmerksamkeit und... Das gilt es wirklich immer mit zu berücksichtigen, weil man verliert ja gleichzeitig auch ganz viele Aspekte, die als sehr stark positiv wahrgenommen werden.
00:12:42: Auch wenn man sonst schon vielleicht begonnen hat, darunter zu leiden.
00:12:48: Am meisten ähnelt die Muskelsucht, könnte man sagen der Magersucht.
00:12:55: Da wurde sie ursprünglich auch als Männliche anorexie bezeichnet.
00:13:00: Natürlich sind auch Mädchen und Frauen immer wieder davon betroffen und erkrankte Leiden an einer gestörten Körperwahnnehmer.
00:13:07: Das heißt, sie empfinden sich selbst oft immer noch als zu schmächtig, obwohl sie in der Regel meist schon überdurchschnittlich stark viel Muskel haben.
00:13:20: Und ähnlich wie bei Essstörungen.
00:13:23: gibt es verschiedene Faktoren, die zu einer Muskelsucht führen können.
00:13:27: Das zu zählen biologische Ursachen, psychologische Aspekte, aber auch soziale und sozialkulturelle Aspekte usw.
00:13:37: Die Muskelsucht der Begriff ist ein umgangssprachlicher Begriff.
00:13:41: Der Fachbegriff lautet Muskeldysmophie, ist jetzt weniger gebräuchlich.
00:13:48: Umgangssprachlich sagt man aber oft zum Beispiel auch Bigerexy oder Adoniskomplex.
00:13:52: Das habt ihr vielleicht schon mal gehört.
00:13:54: Und im Zusammenhang mit krankhaftem Sporttreiben wird zudem oft auch von Sportsucht gesprochen.
00:14:01: Weil es einfach darum geht, den Körper zu formen, also eine Muskelmasse zu oder abzunehmen, ist die Sportsucht oft gleichbedeutend oder synonym für Muskelsucht in Verwendung.
00:14:13: Konkrete Zahlen zur Häufigkeit von Muskelsucht habe ich jetzt nicht gefunden.
00:14:17: Ich glaube, es fehlt einfach auch noch.
00:14:20: Schätzungen gibt es, die besagen, dass in der allgemeinen Bevölkerung ca.
00:14:25: ein Prozent davon betroffen ist.
00:14:28: Je nachdem, welche Bevölkerungsgruppe man aber im speziellen untersucht, gibt es natürlich auch höhere Zahlen, vor allem unter den Besucherinnen von Fitnessstudios oder Bodybuilderinnen.
00:14:40: Genau.
00:14:42: Anders als bei der MAGA sucht zielt das extreme Training und Ernährungsverhalten aber eben nicht auf Gewichtsverlust ab, sondern eben auf geringer Körperfett, Anteil und viel Muskulatur.
00:14:56: Und man kriegt einfach nochmal viel Anerkennung für diesen durchdrainierten Körper und die Disziplin, die die Betroffene natürlich auch aufbringen.
00:15:06: Weil, also viele sagen nicht, das muss man zuerst mal schaffen und diesen Satz kenne ich auch bei den Anorektischen.
00:15:12: Also es kommt einfach zu einer starken Fixierung auf das Aussehen, auf Strenge.
00:15:17: Sport- und Essensregeln und viele Stoßen da natürlich dann auch auf ganz viel Unverständnis oder Ablehnung im sozialen Umfeld, weil es einfach ein bestimmtes Maß überschreitet, bei denen andere das Verständnis.
00:15:32: Ja, sie können dieses Verständnis einfach nicht mehr aufbringen.
00:15:35: Und dann gibt es von außen oft durchaus auch viel Kritik.
00:15:40: Das ist meistens dann im Freundeskreis, im Inneren, im Fitnessstudio, bei denen die das gleiche machen, eben nicht auftritt.
00:15:50: Oder zumindest nicht in diesem Ausmaß.
00:15:53: Die Muskelsucht ist keine Essstörung im engeren Sinne.
00:15:57: Laut den Katalogen DSM oder ICD zählt sie zu den somatophomen Störungen, also zu den körperbezogenen Störungen.
00:16:08: Allerdings kann aus dieser Sonderform eine Essstörung entstehen, weil meistens sowieso auch ein gestörtes Essverhalten dabei ist.
00:16:17: Nicht alle Menschen, die viel trainieren oder Bodybuilding betreiben, sind natürlich muskelsüchtig.
00:16:23: Erst wenn das Streben nach Muskeln oder Fitness zwanghaft wird und man im Alltag einfach nicht mehr flexibel reagieren kann und andere Lebensbereiche stark darunter leiden.
00:16:37: Sprich, man kann einfach nicht mehr von den eigenen Regeln abweichen, ohne dass es enorm viel Stress oder innere Unruhe oder Panik auslöst und all das, das Leben dominiert, dann spricht man von Muskelsucht.
00:16:52: Das heißt, die Flexibilität bzw.
00:16:55: die Zwanghaftigkeit ist oft ein sehr entscheidendes Kriterium in der Bewertung, ob ein Verhalten noch gesund ist oder nicht.
00:17:06: Ja, ab dem Zeitpunkt.
00:17:07: indem ich nicht mehr frei darüber entscheiden kann, meine Lebensführung an aufkommende Alltagssituationen nicht mehr anpassen kann, weil das zu einem inneren Regelbruch führt, was wiederum eine Reihe an sehr starken Emotionen auslöst.
00:17:23: Dann sind wir an dem Punkt angekommen, wo das Leiden beginnt, sobald das Leben nicht exakt nach Plan läuft.
00:17:30: Und wir alle, nehm ich jetzt mal an, Kennen das wahrscheinlich?
00:17:34: Das Leben hält sich nicht an Regeln.
00:17:38: Und was denkt ihr, was passiert dann?
00:17:42: Wenn es sich um einen jugendlichen Handel greifen die Eltern meistens rasch ein.
00:17:46: Wenn sie bemerken, Schule, Ausbildung, Freundschaften, Familien, Situationen funktionieren nicht mehr.
00:17:52: Wenn bemerkt wird, dass das Verhalten zwanghaft geworden ist und ein Abweichen kaum noch möglich, führt das in Familien eigentlich so gut wie immer zu sehr vielen Auseinandersetzungen.
00:18:04: Wenn jemand aber bereits die Schule abgeschlossen hat oder auch ausgezogen ist, ist es leichter für die Person natürlich das Leben nach dem Training zu richten.
00:18:12: In der Praxis ist dann oft zu sehen, dass Personen ihr Studium vernachlässigen, Freundschaften eigentlich eben nur mit anderen Personen, die denselben Sport machen, also dass das nur noch das vorhanden ist und sonst die Teilnahme am Leben eher eingeschränkt ist, da die Zubereitung des Essens, die Trainingseinheiten und so weiter einfach enorm viel Zeit in Anspruch nehmen.
00:18:32: Und ein konkretes Problem, was dabei langfristig entsteht, die Identität definiert sich stark bis hauptsächlich über die Leistung, die Körperform, den Körperfettanteil, das Essverhalten.
00:18:45: Das heißt, es baut sich auch der Selbstwert darauf auf.
00:18:49: Unser Selbstwert besteht aus mehreren Säulen.
00:18:52: Wir haben einerseits die Selbstakzeptanz, als Säule in diesem Fall verläuft die Selbstakzeptanz darüber, wie gut ich performe.
00:19:01: Dann haben wir Das Selbstvertrauen.
00:19:04: Hier ist, solange ich meinen Regeln folge, kann ich darauf vertrauen, dass alles in einem gut kontrollierten Rahmen abläuft.
00:19:12: Gleichzeitig steht daneben die Angst aber, dass ein Abweichen der Regeln zu Kontrollverlust führen könnte und damit alles zum Einsturz bringen könnte, was das Festhalten an den Regeln nochmal enorm stark verstärkt.
00:19:26: Sehr ähnliches Denken sehen wir bei Essstörungen.
00:19:29: Diese enorme Angst ist Kontrollverlust.
00:19:32: Das waren mal zwei Säulen.
00:19:35: Dann gibt es weitere zwei Säulen, einerseits das soziale Netz und die soziale Kompetenz.
00:19:40: Und auch hier baut sich meistens dann alles im Fitnessstudio auf.
00:19:44: Die Trainingseinheiten sind dort, die Trainingskollegen, der Trainer, eventuell auch manchmal, Wettkämpfe und so weiter.
00:19:51: Konkrete Zahlen zur Verbreitung der Muskelsucht gibt es eben bislang nicht, oder?
00:19:57: Wie gesagt, habe ich jetzt auch nicht wirklich so gefunden.
00:20:03: Aber im leistungsorientierten Sport, also vorhabe ich ja mal gesagt, dass so die allgemeinen Bevölkerung in etwa vielleicht ein Prozent ausmacht, im leistungsorientierten Sport geht man von deutlich höheren Zahlen aus.
00:20:16: Und was denkt ihr aber, was passiert, wenn eine Person aufgrund, sagen wir, einer Verletzung nicht mehr trainieren kann?
00:20:27: Dann bricht alles zusammen.
00:20:29: Und das Selbstwert ist irgendwo im dritten Untergeschoss.
00:20:32: Das Selbstwert wird zerschlagen.
00:20:34: Weil alle Säulen sich genau auf dem aufbauen.
00:20:37: Und wenn ich genau das verliere, dann habe ich keine Säule mehr übrig.
00:20:43: Und deswegen ist es so wichtig, dass Betroffene frühzeitig auch Hilfe bekommen.
00:20:50: Essstörungen und auch Muskelsucht sind wirklich ernstzunehmende Erkrankungen.
00:20:54: Und eine Muskelsucht ist kein Fitness-Tick.
00:20:58: der sich irgendwann von selbst legt, sondern da hat sich etwas verselbstständig.
00:21:02: Da ist etwas aus einem gesunden Rahmen ausgebrochen in etwas Krankhaftes.
00:21:09: Und Betroffene brauchen einfach Unterstützung.
00:21:14: Und wie wir wissen, auch von den Essstörungen, umso früher jemand Hilfe bekommt, umso besser sind die Chancen, auch wirklich einfach wieder gesund zu werden.
00:21:24: Und die größte Schwierigkeit ist leider nämlich einfach diese fehlende Einsicht.
00:21:28: Es fällt den meisten Betroffenen nämlich wirklich sehr schwer, ihre Erkrankung zu akzeptieren, auch Hilfe anzunehmen, vor allem wenn eben viel Lob und Anerkennung aus der Welt von Gleichgesängten kommt, was ja auch absolut nachvollziehbar ist.
00:21:43: Und viele nehmen ihr gestörtes Körperbild auch nicht als Krankheit wahr.
00:21:49: Oft sind eben Mädchen und Frauen, die häufiger jemanden ins Vertrauen ziehen, wenn sie ein problematisches Essverhalten oder Sportverhalten haben.
00:21:56: Jungen und Männer sprechen wirklich lange nicht darüber, machen vieles mit sich selbst aus.
00:22:02: Da heißt es also wirklich wichtig, dass auch das Umfeld auf Auffälligkeiten achtet und Beistand anbietet.
00:22:09: Gerade zu Beginn empfinden Betroffene, nämlich meistens keinen großartigen Leidensdruck, der kommt erst.
00:22:15: Sie sind ganz stolz auf ihre Selbstdisziplin und auf ihren Körper und auf die Erfolge.
00:22:20: Aber man darf durchaus auch als Angehöriger oder als Freundfreundin Sorgen äußern.
00:22:26: Wie ich habe das Gefühl, dass du dich für mehr zurückziehst, dass du nicht mehr viel Zeit auch für die Freundschaften außerhalb hast.
00:22:34: dass du nicht mehr so oft mitgehst oder wie vermissen dich.
00:22:36: Also dass einfach auch ein Hinweis darauf stattfindet, es verändert sich da was.
00:22:42: Ja und wichtig ist auch, wenn man vielleicht als Mutter, als Vater oder als Partnerin oder Partner und so weiter spürt oder merkt, oh, da geht das vielleicht auch gesundheitlich in eine schlechte Richtung, vor allem wenn Dopingmittel zur Leistungssteigerung eingenommen werden, die Ja, vielleicht dem Menschen dann auch nicht so gut tun, dann macht es schon Sinn, auch wirklich einen Arzt oder Ärztin quasi zu Rate zu ziehen.
00:23:08: Und oft empfiehlt es sich da einfach hin, im ersten Ding mal eine Beratungsstelle aufzusuchen.
00:23:13: oder auch, es gibt meistens Beratungstelefons, da kann man einfach anrufen, oft auch anonym und einfach mal ein bisschen Informationen erhalten.
00:23:25: Wichtig ist, man sollte wirklich nicht wegschauen.
00:23:28: Das war's für heute.
00:23:30: Vielen Dank, dass du bis zum Schluss zugehört hast.
00:23:33: Ich wünsch dir einen schönen Tag und ich hoffe, du hörst auch in der nächsten Folge wieder mit rein.
00:23:39: Bis zum nächsten Mal.
00:23:40: Tschüss!
Neuer Kommentar